Andrea Abreu: So forsch, so furchtlos © Kiepenheuer & Witsch
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Roman - Andrea Abreu: "So forsch, so furchtlos"

Bewertung:

Andrea Abreu ist 27 Jahre alt, hat einen Roman geschrieben und steht bereits auf der "Granta"-Liste der 25 besten spanischsprachigen Autor:innen unter 35 Jahren. In ihrem Debütroman schreibt sie über eine Mädchenfreundschaft auf Teneriffa – forsch und furchtlos.

Es gibt Romane, die kann man nur mit dem ganzen Körper lesen. "So forsch, so furchtlos" von Andrea Abreu ist so ein Roman. Alles daran ist körperlich. Allein schon die Sprache: die ist drastisch, direkt, unverstellt, benennt die Dinge ohne Umschweife – und trotzdem ist sie poetisch, oft auch lautmalerisch.

Aus jedem Wort sprudelt pure Körperlichkeit. Man muss nur die ersten Zeilen des Romans lesen:

"Wie eine Katze. Isora kotzte wie eine Katze. Uckuckuck, und die Kotze platschte ins Klo, um vom unermesslichen Untergrund der Insel aufgenommen zu werden."

Andrea Abreu geht dahin, wo’s weh tut – forsch und furchtlos. Sie spielt mit körperlichen Reaktionen wie Ekel – und hat ein ganz besonderes Faible dafür, das Schöne und Faszinierende an Abwegigem, an vermeintlich Hässlichem zu entdecken.

Mit dem ganzen Körper lesen

Diesen Roman kann man also nur mit dem ganzen Körper lesen. Und das ist heftig. Denn ein Stück weit durchlebt man beim Lesen noch einmal eine Zeit, die die meisten gern hinter sich lassen oder gelassen haben – die Zeit der beginnenden Pubertät.

Mit der ganzen Intensität an Schmerzen und Leid, an Gefühlen (auch unterdrückten), an Sehnsüchten und Einsamkeit, an Lust ... Diese ganze Kombi, die zum ersten Mal auf einen einwirkt und daher noch nicht einzuordnen und deshalb ganz besonders unmittelbar ist.

Die Kehrseite der Kanaren

Es geht um zwei beste Freundinnen, Isora und eine namenlose Ich-Erzählerin, zwei zehnjährige Mädchen. Sie erleben einen Sommer in ihrem Viertel im Norden Teneriffas. Und zeigen uns ein Teneriffa jenseits von Werbefilmchen und Tourismus. Es ist die Kehrseite der Kanaren: trist, arm und trostlos.

Diese Lebenswelt kennt Andrea Abreu gut – auch sie ist darin aufgewachsen. Und sie weiß, wie sie es mit Worten schafft, diese morbide Melancholie lebendig zu zeichnen – mit diesem ganz speziellen Vulkaninsel-Klima und der dicken grauen Wolkendecke, mit strengen Großmüttern, die Rosenkranz beten und einen zu Hexen und Teufelsaustreiberinnen schicken.

Wie räudige Hündinnen

Es ist Ferienzeit, die Schule hat zu. Die Eltern sind abwesend, arbeiten auf dem Bau oder putzen die Ferienhäuser der Touristen. Und die Mädchen träumen vom Strand. Erreichbar ist aber nur der dreckige Kanal.

So streunen sie durch ihr Viertel wie Straßenhunde, herrchenlos, erkunden ihr Revier mit den lehmigen, unasphaltierten Wegen oder Kartoffelfeldern, die zu farnumwucherten Höhlen führen.

Geschichte eines bitteren sexuellen Erwachens

Sie beschnuppern alles und leben in den Tag hinein. Langeweile und Spieltrieb sind, was sie antreibt. Sie hören Reggaetón, essen und erbrechen, spielen mit Barbies und Babyborns. Sie gehen noch als Kinder durch, aber längst wandern ihre Babyborn-Puppen in ihre Unterhosen und dienen vor allem dazu, ihren Körper zu erkunden.

Es ist die Geschichte eines bitteren sexuellen Erwachens. Während die ungezügelte Isora keine Furcht kennt und immer aufs Ganze geht, merkt die vorsichtigere Ich-Erzählerin immer schmerzlicher, dass ihre Zuneigung zu Isora doch etwas anderes ist als Freundschaft – etwas, für das sie keine Kategorien kennt und das sie innerlich aufzehrt.

Der Vulkan als Drohkulisse

Die Leserin weiß: das kann nicht lange gut gehen. Dieses Wissen schwelt beim Lesen unaufhörlich im Untergrund. Andrea Abreus ganz eigene Insel-Metaphorik tut ihr übriges, um die bedrückende Stimmung zu unterstreichen: Immer wieder ist da dieser Vulkan. Noch schläft er, weist aber immer wieder bedrohlich auf eine nahendes Ende hin: Die Sommerferien werden enden, die Kindheit wird eines Tages abrupt vorbei sein, die Unschuld ebenso.

Das ist die Kunst dieses Romans: Er kostet diese ganz besondere Latenzphase zwischen Kindheit und Erwachsenendasein gnadenlos aus. Man meint zwischenzeitlich, er könne diese Zeit festhalten, in ganz vielen kurzen Kapiteln und Stimmungsaufnahmen. Gleichzeitig sprudelt aus jeder Pore dieses Textes die Gewissheit: Jeden Moment könnte die Lava kommen. Und dann ist er weg, dieser Augenblick, auf dem gerade alles fußt.

Und die Leserin leidet mit – und spürt noch einmal am ganzen Körper, wie weh es tut, erwachsen zu werden.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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