Isabel Allende: Violeta © Suhrkamp
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Roman - Isabel Allende: "Violeta"

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Vor 40 Jahren machte "Das Geisterhaus" Isabel Allende zur Bestsellerautorin. Gleich ihr erster Roman war ein Welterfolg, der mit Maryl Streep und Jeremy Irons in den Hauptrollen verfilmt wurde. Am 2. August feiert Isabel Allende ihren 80. Geburtstag und beschenkt sich und ihre Fans vorab mit einem neuen Roman: "Violeta".

Die 100-jährige Violeta hat sich zum Sterben in den tiefsten Süden Chiles zurückgezogen, in das Landhaus, das ihr Zeit ihres Lebens Refugium war. Die Zeit, die ihr noch bleibt, füllt sie damit, ihre Erinnerungen in einem Brief an ihren Enkel festzuhalten:

"Mein geliebter Camilo, mit diesen Seiten möchte ich dir ein Zeugnis hinterlassen, weil ich mir vorstelle, dass dich in ferner Zukunft, wenn du alt bist und an mich denkst, dein Gedächtnis womöglich im Stich lässt, denn du bist so zerstreut, und mit den Jahren wird das nicht besser."

Ein von den Krisen des 20. Jahrhunderts geprägtes Leben

Violeta hat Camilo nach dem Tod ihrer Tochter großgezogen. Fast wirkt es wie eine Lebensbeichte, wenn die Greisin Camilo ankündigt, sie werde ihm von "ihren sündigen Taten" erzählen, zumal der Enkel Priester geworden ist. Ihr Leben ist geprägt von den Krisen des 20. Jahrhunderts, von Kriegen, Umstürzen, Diktaturen und Pandemien:

"Ich bin 1920 während der Grippepandemie geboren, und ich werde 2020 während der Coronapandemie sterben“, so sinniert Violeta später, auf dem Sterbebett. "Die Welt ist zum Stillstand gekommen, die Menschheit in Quarantäne. Merkwürdig, diese Symmetrie, dass ich in einer Pandemie geboren bin und in einer weiteren sterben werde."

Die beiden Pandemien bilden auch die erzählerische Klammer für diesen Brief-Roman, in dem Violeta chronologisch davon berichtet, wie sie in die hauptstädtische Oberschicht Chiles hineingeboren wurde, nach der Weltwirtschaftskrise verarmt mit ihrer Mutter, zwei Tanten und ihrem englischen Kindermädchen in den entlegenen Süden aufs Land flüchten muss und als Erwachsene schließlich ein Leben zwischen Abhängigkeit und Leidenschaft führt bevor sie sich für Frauenrechte in Chile engagiert.

Rückkehr nach Chile

Isabel Allende lebt schon seit fast 40 Jahren in Kalifornien, kehrt aber in ihren Romanen immer wieder nach Chile zurück, wo sie aufgewachsen ist. Der Militärputsch 1973, der zur 17-jährigen Terrordiktatur von Augusto Pinochet führte, trieb die Großnichte des ermordeten, sozialistischen Präsidenten Salvador Allende außer Landes. Sie ging ins Exil nach Venezuela, später folgte sie der Liebe in die USA. Isabel Allendes Romane tragen stets auch autobiografische Spuren in sich. In einem YouTube-Video des Suhrkamp-Verlags erzählt die Autorin, ihre Mutter habe sie zu "Violeta" inspiriert, aber im Gegensatz zu ihrer Romanheldin habe diese nie die Chance gehabt, ihre Wünsche und Ziele zu verfolgen oder so emanzipiert und unabhängig wie Violeta zu sein. Frauen, die sich gegen die Konventionen der Zeit wehren, in die sie hineingeboren wurden.

Frauen, die Gewalt erfahren, sich emanzipieren und sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lassen stehen im Mittelpunkt fast aller Isabel-Allende-Romane. Davon unterscheidet sich auch "Violeta" nicht – die übrigens "Delvalle" mit Nachnamen heißt, genauso wie Clara aus "Das Geisterhaus", aber das seid nur als kleiner Nerd-Faktor am Rande erwähnt.

Heirat mehr aus Pflichtgefühl denn aus Liebe

Violeta ist neun Jahre alt, da erlebt sie das erste große Drama ihres Lebens. Betrügereien und die Weltwirtschaftskrise haben den Vater und sein Unternehmen so sehr ruiniert, dass er keinen Ausweg mehr sieht. Das Mädchen findet ihn tot in der Bibliothek:

"Eine Ewigkeit stand ich reglos neben ihm, sah ihn an, hielt die zitternde Tasse in der Hand und rief ihn leise Papa, Papa. Ich erinnere mich noch wie heute an das Gefühl schrecklicher Leere und Ruhe, das mich überkam und das bis weit nach der Beerdigung anhalten sollte.“

Die Familie flieht vor der Schmach und dem Ruin aus der Hauptstadt in den tiefsten Süden. Hier bestimmt ein bäuerliches, armes Leben in rauer Feuchtigkeit fortan den Alltag von Violeta, ihrer kränklichen Mutter, der unverheirateten, beiden Tanten und des ältesten Bruders. Ein pensioniertes Lehrerehepaar nimmt die gestrandete Restfamilie auf und Violeta kommt mit indigenen Gemeinschaften und Bräuchen in Kontakt – aber durch ihre ehemalige irische Nanny und Hauslehrerin Miss Taylor, die mit ihrer heimlichen Liebe Teresa ein gemeinsames Leben in der Stadt wählt, auch mit feministischen Ideen. Trotzdem schlägt Violeta zunächst den klassischen Weg ein und heiratet, wenn auch mehr aus Pflichtgefühl, denn aus Liebe.

"Es gab keinen triftigen Grund, diesen rechtschaffenen Mann sitzenzulassen. Ich glaubte, ohne ihn wäre ich dazu verdammt, allein zu bleiben. Ich besaß kein besonderes Talent und fühlte mich zu nichts berufen, was mir einen anderen als den für eine Frau vorgezeichneten Weg gewiesen hätte. (…) Mir fehlte der Mut, meine Sicherheit gegen die Freiheit einzutauschen."

Geschichtsstunde mit allzu großem Anspruch auf Vollständigkeit auf 400 Seiten

Wenig Selbstvertrauen hat Violeta zunächst, dabei ist sie es, die dem Unternehmen ihres Bruders – er entwickelt Fertig-Holzhäuser – die entscheidenden verkaufsfördernden Ideen liefert, die entgegen der Konventionen der 1940er Jahre als Ehefrau weiter arbeitet und eigenes Geld verdient. Dann tritt der Pilot Julián in ihr Leben und zum ersten Mal empfindet sie Lust und Leidenschaft. Hier trägt Isabel Allende so dick auf, dass es unfreiwillig komisch wirkt:

"Julián riss mir so selbstverständlich wie ein Puma mit zwei Tatzenhieben das Kleid vom Leib, ohne dass ich Zeit gehabt hätte zu protestieren.“

Hals über Kopf verlässt Violeta ihren Ehemann und stürzt sich in eine toxische Beziehung mit Julián. Obwohl er sie schlägt, belügt und betrügt, kommt Violeta nicht von ihm los. Noch dazu ist Julián in dunkle Geschäfte verstrickt, zu seinen Auftraggebern gehören sowohl die Mafia als auch der kubanische Diktator Batista, die CIA genauso wie die spätere Militärdiktatur in Chile.

Nicht nur die Pinochet-Ära gerät bei Isabel Allende oft zur Geschichtsstunde mit allzu großem Anspruch auf Vollständigkeit. Alles will sie auf diesen 400 Seiten unterbringen, Spanische Grippe, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg, koloniales Unrecht, den Kampf für Frauenrechte, die Schrecken der Militärdiktatur. Die Figuren treten dabei auf und ab und wirken dabei oft wie Illustrationshilfen für die historischen Ereignisse, mal etwas blutleer, mal überfrachtet mit allerlei gleichzeitigen historischen Verstrickungen, wie zum Beispiel die Figur des Julián.

Ein Buch über das Alter

Langweilig wird es dabei zwar nie - es wird geliebt, gestritten, gestorben, geflohen und getrauert, dabei geht man als Leser:in schon mit, es liest sich flüssig, aber Isabel Allende will unterm Strich einfach zu viel. Der Roman bleibt der Form des Briefes verpflichtet, ist er eher berichtend und anekdotenhaft, als szenisch oder dialogisch. Isabel Allende hechelt kurzatmig durch das Jahrhundert und mutet ihrer Violeta dabei einiges zu – sie verliert ihre Tochter und muss um die Verhaftung ihres Sohnes durch das Terrorregime bangen - vertraut aber gleichzeitig zu wenig auf Kraft ihrer Heldin, die einem durchaus ans Herz wächst als eine typische Isabel Allende Heldin: stark, sympathisch, widerstandsfähig. Zu empfehlen ist die Hörbuchproduktion mit Schauspielerin Angela Winkler als Violeta, die ihrer Figur eine große Würde verleiht und je nach Stimmung und Lebensphase diese mal brüchig, nachdenklich, verletzlich oder stark auftreten lässt.

Spät findet die Zeit ihres Lebens unpolitische Violeta zu ihrer Bestimmung und gründet eine Stiftung, die Opfern häuslicher Gewalt hilft - und im hohen Alter findet Violeta auch unerwartet noch mal eine große Liebe. Und so ist dieser Roman auch ein Buch über das Alter. Violeta blickt gelassen und erfüllt auf ihr Leben zurück.

Vielleicht stellt sich Isabel Allende ihren 100. Geburtstag genauso vor, so kurz vor ihrem 80., den sie am 2. August feiert.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

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