James Baldwin: Von einem Sohn dieses Landes © dtv
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Essays - James Baldwin: "Von einem Sohn dieses Landes"

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James Baldwin war einer der führenden Intellektuellen und einer der bedeutendsten Schriftsteller Amerikas. Nach seinem Tod im Jahr 1987 gerieten seine politisch oft provozierenden Werke etwas ins Abseits. Doch mit dem unter Präsident Trump wieder aufkeimenden Rassismus und der Black Lives Matter-Bewegung rücken Baldwins Bürgerrechtsthesen wieder in den Fokus der Debatte um Gleichheit und Gerechtigkeit. Nun ist Baldwins Essay-Sammlung "Von einem Sohn dieses Landes | Notes of a Native Son" in einer Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschienen.

Geschrieben hat Baldwin die Essays in seiner französischen Wahlheimat, Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre. Er war damals nach Paris exiliert, wie so viele amerikanische Intellektuelle, die den alltäglichen Rassismus, die soziale Ungleichheit und lebensbedrohlichen Umstände nicht mehr ertragen konnten.

Blick eines Exilanten auf den rassistischen Wahn in den USA

Baldwin, der kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darum ging, die Sklavenhalter-Mentalität der Weißen zu brandmarken und die Schwarzen aufzufordern, endlich ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln und Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einzufordern, war selbst tatsächlich in höchster Lebensgefahr, wurde vom weißen Mob bedroht und vom Geheimdienst als Staatsfeind eingestuft.

Auch in Paris erfuhr Baldwin – als Fremder, Schwarzer und Homosexueller – offene Anfeindungen. Er lebte als Außenseiter, hatte wenig Kontakt zu Sartre und den Existentialisten, aber er setzte alles daran, sich als Schriftsteller zu beweisen und sich seiner Herkunft und Identität zu vergewissern.

Mit dem Blick des Exilanten, der sich nach Sprache und Kultur seiner hass-geliebten Heimat sehnt, blickt Baldwin in den Essays auf den rassistischen Wahn in den USA, fragt sich: Was bedeutet es, schwarz und homosexuell zu sein, in Amerika und in Europa? Wie könnte eine eigene schwarze Identität aussehen? Wohin führt eine Gesellschaft, die von Weißen beherrscht wird, die ihre irrationalen Ängste auf den "gewalttätigen N*****" projizieren, der nur eine Erfindung der Weißen ist.

"I'm not a N*****, I'm a Man" wird Baldwin immer wieder sagen. Und hier, in den 1955 erstmals veröffentlichten Essays, begründet er sein Werk, das ihn zum vielleicht wichtigsten Dichter und Denker Amerikas gemacht hat.

Diskriminierende "N"-Wörter werden in "black" verschoben und mit "schwarz" übersetzt

Miriam Mandelkow entscheidet sich dafür, die diskriminierenden "N"-Wörter auf die semantische Stufe von "black" zu verschieben und durchgehend mit dem eher neutralen "schwarz" zu übersetzen. In einem Essay erzählt Baldwin, wie ihn der Tod seines Vaters, eines Predigers, den er gehasst hat, aus der Bahn wirft und ins Nachdenken über familiäre Bande und Hautfarbe bringt, wie er lustlos und aggressiv durch die Tage irrlichtert und mit einem Freund abends im Kino landet, sich einen Film mit dem Titel "Dies ist mein Land" ansieht und hinterher ein Lokal mit dem Namen "American Diner" besucht. Sie bestellen einen Kaffee, doch die Antwort der Kellnerin ist: "We don't serve Negroes here".

Baldwin kennt das seit Jahren und kann es nicht mehr ertragen. Er ist so zornig, dass er einen Wasserkrug nach der Kellnerin wirft, eine lebensgefährliche Kurzschluss-Handlung. Die Angst der Kellnerin und die Wut der Weißen richtet sich gegen Baldwin, er muss um sein Leben rennen und ist verwirrt, wieviel Hass auf Weiße in ihm steckt. Diesen Hass will er fortan bekämpfen: denn nur, wenn er an sich selbst moralisch andere Maßstäbe anlegt, kann die Welt der Weißen untergraben und verändern.

Früher wurde "We don't serve Negroes here" mit "N**** werden hier nicht bedient" übersetzt, bei Miriam Mandelkow liest man jetzt: "Schwarze werden hier nicht bedient".

Literarischer Vatermord am Mentor

Auch bei den politischen Konnotationen und Ungeheuerlichkeiten der Übersetzung des Titels kann man nur den Kopf schütteln: "Notes of a Native Son" wurde einst mit "Aufzeichnungen eines Eingeborenen" übersetzt: purer Rassismus. Aber gegen das Zerrbild des Schwarzen, der noch immer, auch in Amerika, mental im Dschungel lebt und von blutigen Stammesritualen träumt, wendet sich Baldwin in allen Essays, die zwischen intellektuellem Furor und emotionaler Wut balancieren. In jeder Zeile schwingt mit, dass Baldwin sich als "Sohn dieses Landes" sieht und so auch gesehen werden will: "Ich liebe Amerika mehr als jedes andere Land auf der Welt, und genau aus dem Grund nehme ich mir heraus, es unablässig zu kritisieren", schreibt er.

Der Titel ist ein literarischer Vatermord an seinem Mentor Richard Wright, der mit seinem Roman "Native Son / Sohn dieses Landes" (1940) den wichtigsten "schwarzen Protestroman" geschrieben hatte und den jungen Baldwin mit Stipendien förderte, wo es nur ging. Doch Baldwin wirft Richard Wright vor, dass "Bigger", der schwarze Held des Romans, nur die Vorurteile gegenüber Schwarzen reproduziert und auf die ihn drangsalierende rassistische Gesellschaft genauso reagiert, wie es die Weißen von einem Schwarzen erwarten: nämlich mit Gewalt und Mord.

Abarbeitung an Werken, die die Lebenswirklichkeit der Schwarzen verfälschen

Baldwin arbeitet sich auch an anderen Werken ab, die die Lebenswirklichkeit der Schwarzen verfälschen und nichts dazu beitragen, eine eigene schwarze Widerstandskultur zu entfachen. Den Roman "Onkel Toms Hütte" nimmt er dabei ins Visier und eine Verfilmung von "Carmen", die ausschließlich mit Schwarzen besetzt ist: Eine brillante, kompromisslose Abrechnung mit kultureller Anbiederung und politischem Opportunismus.

"Die Welt ist nicht mehr weiß, und sie wird es nie mehr sein."

Manche Aufsätze lesen sich wie Skizzen zu einer literarischen Autobiografie. Einmal schildert er, wie er in Paris im Gefängnis landet, weil ein Freund ihn in einen kuriosen Diebstahl verwickelt und die Polizei nur allzu sehr geneigt ist, den schwarzen Fremden festzunehmen und tagelang im Knast schmoren zu lassen, bis endlich von außen Hilfe kommt und die ganze Sache sich als Irrtum herausstellt.

Ein anderes Mal beschreibt er, wie er eine Schreibblockade überwinden will und sich in ein abgelegenes Schweizer Dorf zurückzieht. Die Kinder dort haben noch nie einen Schwarzen gesehen und machen sich über ihn lustig. Baldwin spürt, dass er immer ein Fremder bleiben wird in einer von Weißen geprägten Kultur, die Dante und Shakespeare, Michelangelo und Da Vinci hervorgebracht hat:

"Ich aber", schreibt er resigniert, bin noch immer "in Afrika und sehe die Eroberer kommen." Aber er weiß: Nur die Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien lässt die Weißen an das Bild vom bösen "N*****" glauben, doch: "Die Welt", schreibt er triumphierend, "ist nicht mehr weiß, und sie wird es nie mehr sein."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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