Lily King: Hotel Seattle © C.H. Beck
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Erzählungen - Lily King: "Hotel Seattle"

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Aufwachsen in schwierigen Familienverhältnissen. Geschiedene Eltern. Alkoholismus. Erste Liebesversuche der Kinder, spätes, neues Liebesglück der Eltern. Selbstzweifel einer Autorin und der Kampf mit dem eigenen Geschriebenen: All das sind Themen der amerikanischen Autorin Lily King, die in ihren Roman und Kurzgeschichten immer wieder auftauchen. Das gilt auch für ihren neuen, bemerkenswerten Erzählungsband "Hotel Seattle".

Rund die Hälfte der zehn Geschichten handeln von komplizierten Eltern-Kind-Beziehungen, auch wenn in der ersten mit dem Titel "Kreatur" die Eltern mehr oder weniger abwesend sind.

Komplizierte Eltern-Kind-Beziehungen

Nach deren Trennung bekommt die 14-jährige Carol Arbeit in einem schmucken Landhaus bei Boston, um dort die Tochter des Hauses bei der Kinderbetreuung zu unterstützen. Sie liest Charlotte Brontës "Jane Eyre", schreibt Tagebuch in deren Stil, und tatsächlich fühlt man sich in die Atmosphäre des englischen Landadels des 19. Jahrhunderts versetzt. Allerdings nur, bis der 27-jährige Sohn des Hauses auftaucht, frech, respektlos, ungewaschen, ein selbstbewusster Schlacks, in den sich Carol verliebt, obwohl er verheiratet ist. Doch die Ehe läuft nicht gut, die Frau scheint ihn verlassen zu haben, und so baut sich zwischen ihm und dem Mädchen eine erotische Spannung auf, die sich schließlich in einer gewalttätigen Szene entlädt, die die schöne heile Welt als unbrauchbare Kulisse entlarvt.

Ähnlich und doch ganz anders die Titelgeschichte: Der Ich-Erzähler in "Hotel Seattle" erinnert sich seiner College-Jahre, als er das Zimmer mit einem unglaublich gutaussehenden Kommilitonen teilte. Paul ist begehrt, hat viele Freundinnen, während der sich erinnernde Erzähler selbst eher unscheinbar ist. Als er ein paar Jahre später sein schwules Coming Out erlebt und auch Paul davon berichtet, bricht der die Freundschaft ab, als handle es sich um einen Verrat oder um eine Freundschaft unter falschen Vorzeichen. Erst ein halbes Leben später meldet er sich wieder, als der Erzähler schon lange mit seinem Lebenspartner in Seattle wohnt. Sie treffen sich im Hotel, Paul, inzwischen teigig und schlaff geworden, fällt über ihn her in einer Szene, die eher einer Vergewaltigung gleicht als einem Liebesakt.

Lebenslügen

Immer wieder zeigt Lily King die Lebenslügen ihrer Protagonisten, mit denen sie sich eingerichtet haben und die sie selbst nicht erkennen. Sie schafft das ohne besserwisserischen Ton, indem sie die Momente herbeiführt, in denen die Illusionen zerbrechen.

Da ist die Mutter, die mit ihrer Tochter nach dem Unfalltod des Vaters einen Urlaub an der Nordsee antritt, den beide nicht wollen. Die Mutter meint, man müsse über das Unglück sprechen, dürfe es nicht ausblenden. Die Tochter hat dazu aber keine Lust und verweigert sich in zunehmend aggressiver Haltung. Am Ende aber, als sie für einen Nachmittag die kleinen Kinder einer australischen Urlauberfamilie betreut, spielt sie denen vor, dass deren Eltern verunglückt wären und nicht mehr zurückkämen.

Es sind immer einzelne Momente, die Lily King stark macht

Lily King erzählt mit großer Anteilnahme, ohne je gefühlig zu werden. Sie lässt ihre Figuren träumen und sich irren, ermöglicht ihnen aber auch immer wieder Neuanfänge und Momente überraschenden Glücks. So wie dem Buchhändler, der mit sanfter Unterstützung seiner Tochter ein neues Liebesglück findet, nachdem seine Frau ihn verließ und er sich in einer menschenfeindlichen Zurückgezogenheit eingerichtet hatte. Oder der jungen Autorin, die auf der Flucht vor einer unmöglichen Liebe zu ihrem Bruder zieht, der mit einer psychotischen Frau zusammenlebt, was zu unglaublichen, auch komischen Verwicklungen führt.

Es sind immer einzelne Momente, die Lily King stark macht. Sie steht damit in der besten Tradition amerikanischer Kurzgeschichten, wenn Einzelheiten und kurze Einblicke ausreichen, ein ganzes Leben in all seinen Verfehlungen, Sehnsüchten, verpassten und offenen Möglichkeiten spürbar werden zu lassen. Das muss sie nicht benennen. Es reicht, dass sie erzählt, weil sie die Gefühlszustände ihrer Figuren, ihre Trauer und ihre Freude, jederzeit plausibel machen kann, auch dann, wenn diese gar nichts davon wissen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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