Eeva-Liisa Manner: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke © Guggolz Verlag
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Roman - Eeva-Liisa Manner: "Das Mädchen auf der Himmelsbrücke"

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Mit Literatur aus Finnland verbinden die meisten blutige Krimis oder alte Sagen. Doch Finnland hat eine vielfältige Literaturgeschichte, die bei uns weitgehend unbekannt ist. Eine der berühmtesten finnischen Autorinnen ist Eeva-Liisa Manner (1921-1996), die vor allem als Lyrikerin bekannt wurde, aber auch als Autorin von Romanen und Dramen. Im Jahr 1951 ist ihr erster Roman erschienen, der jetzt erst zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden ist: "Das Mädchen auf der Himmelsbrücke".

"Es war einmal, nicht weit von hier und vor nicht allzu langer Zeit, ein Stück Geometrie, das zu Holz und Stein geworden war, eine Stadt, die es nicht mehr gibt."

Märchenhaft und zugleich bitter real

Märchenhaft und zugleich bitter real ist schon der erste Satz dieses ungewöhnlichen Romans. Denn es war tatsächlich einmal, vor nicht allzu langer Zeit, die Stadt Viipuri im finnischen Karelien, die im Winterkrieg 1940 an die Sowjetunion fiel und damit für die Finnen unerreichbar wurde. Für die Hauptfigur, die neunjährige Leena, scheint diese Heimatstadt schon so verloren, wie sie es für die Autorin des Romans Eeva-Liisa Manner tatsächlich war. Wenige Jahre nach dem Krieg schrieb sie diesen ersten Roman "Das Mädchen auf der Himmelsbrücke" über Leena, die zwischen Traum und Realität wandert und von der Tristesse ihres Alltags zutiefst enttäuscht ist: "Die Punkte waren besonders hässlich (…). Manchmal hatte sie versucht, die Punkte auf dem Kleid der Lehrerin zu zählen, doch sie kam bei Zählen jedes Mal durcheinander, ehe sie and Ende gelangte. Und dann dachte sie, dass sie gar kein Ende nahmen, und der Gedanke war so grauenhaft, dass ihr davon schwindlig wurde."

Traumwandlerische Spaziergänge zwischen Himmel und Erde

Leena kann nicht verstehen, warum ihre Schule ein hässlicher grauer Block und warum die strenge Lehrerin so bösartig ist. Sie nimmt ihre Umwelt als bedrohlich und düster, doch dann immer wieder als faszinierend und voller Wunder wahr. Sie schwankt zwischen Himmel und Erde, so wie es der Titel sagt: sie wandelt auf einer Himmelsbrücke, nie ganz auf der einen oder der anderen Seite.

Wie die Autorin Eeva-Liisa Manner ist das Mädchen verwaist, lebt unverstanden und ungeliebt bei ihrer tragisch-traurigen Großmutter und muss einsam versuchen die Welt zu verstehen. Zwischen den poetischen Gedankenwelten des Kindes scheinen die real-düsteren Themen des nahenden Krieges, der Armut und sozialer Kälte durch. Bei einem ihrer traumwandlerischen Spaziergänge durch die surreale Stadt findet sie sich in einer kleinen katholischen Kirche wieder, ganz anders als die große und nüchterne evangelische Kirche, die sie kennt. Und wird vollkommen erschüttert durch Orgelmusik von Johannes Sebastian Bach, die sie so noch nie gehört hat: "Die Musik war weder fröhlich noch traurig, sie war unerklärlich und dennoch selbstverständlich. Unerklärlich und selbstverständlich wie Wasser (…) In solchen einem Wasser wäre es gut zu sterben. Und in dieser Musik … In dieser Musik hätte Leena sterben wollen."

Finnlands berühmteste Modernistin endlich in deutscher Sprache

Tod und Verlust, Trauer und Wehmut bestimmen diesen Erstlingsroman, Motive, die das Werk von Eeva-Lisa Manner auch später begleiten. Romane, Gedichte und Dramen hat sie zahlreich verfasst, und nebenbei unter anderem Shakespeare, Kafka und Hermann Hesse ins Finnische übersetzt. In Finnland ist sie eine der berühmtesten Schriftstellerinnen, überschüttet mit Auszeichnungen. Manner gilt als bedeutendste Autorin des Landes, die Finnland in die literarische Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg geführt hat. Eigentlich unglaublich, dass sie in Deutschland praktisch unbekannt ist und ihr Debütroman erst 71 Jahre nach Erscheinen und fast 30 Jahre nach ihrem Tod erstmals ins Deutsche übersetzt worden ist. Dafür glänzt diese präzise und poetische Übersetzung von Maximilian Murmann umso mehr und macht das Lesen des "Mädchens auf der Himmelsbrücke" zu einer ästhetischen Freude.

Ergänzt wird der schön gestaltete Band von einem sehr aufschlussreichen und persönlichen Nachwort von Antje Rávik Strubel, die sich selbst in Finnland auf die Spuren von Eeva-Liisa Manner gemacht hat. Trotz oder gerade wegen der tiefen Melancholie des Romans bleibt nach der Lektüre ein Gefühl von Glück und Schönheit zurück.

Irène Bluche, rbbKultur

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