Georg M. Oswald: Das Grundgesetz. Ein literarischer Kommentar © C.H. Beck
C.H. Beck
Bild: C.H. Beck Download (mp3, 8 MB)

Ein literarischer Kommentar - Georg M. Oswald (Hsg.): "Das Grundgesetz"

Bewertung:

"Die Würde des Menschen ist unantastbar." – "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit." – "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." – Große Worte, grundsätzliche Rechte und Pflichten, festgeschrieben im deutschen Grundgesetz. Gerade in Krisenzeiten wie in der Corona-Pandemie wurden und werden diese Sätze hinterfragt und heftig diskutiert. Dieses Buch kommentiert und kritisiert das Grundgesetz – vielstimmig, erhellend, konstruktiv.

Herausgeber Georg M. Oswald, Jurist und Schriftsteller, möchte die vor allem unter Juristen verbreitete These widerlegen, das Grundgesetz sei nichts für Nichtjuristen. Laien könnten Gesetzestexte nicht begreifen?

Besonders für Nichtjuristen

Oswald hat kluge Kolleginnen und Kollegen engagiert, dieses Vorurteil zu widerlegen: Herta Müller und Martin Mosebach, Feridun Zaimoglu und Hilal Sezgin, Sibylle Lewitscharoff und Jonas Lüscher, Udo di Fabio und Andreas Voßkuhle sind dabei. 38 Autor:innen, Schriftstellerinnen, Journalisten, auch Juristen hinterfragen je einen Grundsatz aus dem Grundgesetz. Die Texte sind so verschieden wie die Temperamente ihrer Verfasser. Easy reading ist es nicht, aber augenöffnend allemal.

Würde und Freiheit sind antastbar

Für Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sind Freiheit und Würde immer konkret. Im sozialistischen Rumänien hat sie erlebt, wo Würde beginnt, wo sie aufgegeben wird: Sie weigerte sich, ihre Arbeitskollegen zu bespitzeln. Sie verlor ihren Schreibtisch, dann ihre Arbeit, doch sie behielt ihre Würde. Einsamkeit kann der Preis dafür sein, "dass man von seinem Leben keinerlei Nutzen akzeptiert, der jemand anderem schadet". So erinnert Müller daran, aus welcher Erfahrung die Begriffe "Würde" und "Freiheit" grundgesetzlich wurden – aus Erfahrungen der Unfreiheit, Entwürdigung.

Was Würde bedeutet, muss jede und jeder für sich beantworten. Das Grundgesetz garantiert den Schutz der persönlichen Würde. Oder besser: es verspricht, sie zu schützen.

Große Versprechen

"Das Grundgesetz ist ein großes Versprechen. Für seine Einlösung bleiben wir selbst verantwortlich", so Georg M. Oswald in seinem Vorwort. In vielen Texten wird deutlich, dass unsere eigene – nichtjuristisch laienhafte - Verantwortung wächst, je radikaler sich die Zeitläufte gegenüber den Nachkriegsjahren, aus denen das Grundgesetz stammt, verändern. Zum Diskriminierungsverbot (GG Art. 3, Abs. 3) wettert Feridun Zaimoglu gegen "Beauty-Retuschen" in der Sprache. Das N-Wort oder das Z-Wort sind für ihn "Posen der Gehässigkeit", die nichts daran ändern, dass er reihenweise explosive culture clash-Situationen erlebt. "Gefährliche Zeiten" heißt sein Kommentar.

Gefährliche Zeiten

Auf ihn folgt der katholische Schriftsteller Martin Mosebach zur Glaubensfreiheit. Mosebach prophezeit nicht nur islamistische Kämpfe gegen eine Unterordnung der Religion unter die staatliche Ordnung, sondern auch "offenen Ungehorsam" einer "auf ihren harten Kern" geschrumpften Kirche gegen eine Demokratie, die sich als "Zivilreligion" versteht und "jedem Bürger das Bekenntnis zu einem den Religionen übergeordneten Wertekomplex abverlangt". Gefährliche Zeiten?

Vielstimmige Demokratie

Es ist gerade die Vielstimmigkeit, die das Buch zu einem Lehrstück über gelebte Demokratie und Meinungsfreiheit machen. Die Verständigung vieler unterschiedlicher Menschen über die rechtlichen Grundlagen unseres Miteinanders ist demokratische Praxis. Das Grundgesetz beantwortet die Fragen unserer Zeit nicht. Aber es ist eine gute Grundlage, diese Fragen zu formulieren. Eigenwillige, unbequeme – der persönlichen Würde verpflichtete – Stimmen gehören unbedingt dazu. In diesem Buch belehren nicht, sondern fordern zum Weiterdenken auf.

Natascha Freundel, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Thomas Leibnitz: Verrisse © Residenz Verlag
Residenz Verlag

Respektloses zu großer Musik von Beethoven bis Schönberg - Thomas Leibnitz: "Verrisse"

Verrisse haben eine große Tradition. Seitdem über Musik geschrieben wird, haben Kritikerinnen und Kritiker für das mögliche Nichtgefallen deutliche Worte gefunden. Und so manche Verrisse lesen sich auch ziemlich vergnüglich. Der österreichische Musikwissenschaftler, Germanist und Publizist Thomas Leibnitz hat sich in seinem Buch "Verrisse. Respektloses zu großer Musik von Beethoven bis Schönberg" damit auseinandergesetzt.

Bewertung:
Johan Eklöf: Das Verschwinden der Nacht; Montage: rbbKultur
Droemer HC

Sachbuch - v_rezension

Etwas 6.000 Sterne kann der Mensch mit bloßem Auge am Nachthimmel sehen – und noch zahllose andere Himmelskörper. Allerdings nur, wenn absolute Dunkelheit um ihn herum herrscht. In Las Vegas, einem der hellsten Orte der Welt, sehen die Menschen höchstens zehn Sterne. Der schwedische Autor und Zoologe Johan Eklöf hat ein Buch über die Lichtverschmutzung geschrieben, die uns den Blick in den Himmel verwehrt, aber vor allem die Natur bedroht.

Bewertung: