Steffen Mensching: Hausers Ausflug © Wallstein
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Roman - Steffen Mensching: "Hausers Ausflug"

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Begonnen hat Steffen Mensching seine Karriere als anarchistischer Clown und Kabarettist. Inzwischen ist er auch Theaterintendant (in Rudolstadt) und Buchautor. Für seinen Roman "Schermanns Augen" (2018) wurde er mit dem Erich-Fried-Preis und den Preis der Uwe Johnson-Gesellschaft ausgezeichnet. Sein neuer Roman "Hausers Ausflug" ist kürzlich im Wallstein Verlag erschienen. Jörg Magenau hat ihn gelesen.

In Computerspielen gibt es in jeder kniffligen Situation zuverlässig einen Ausweg, der ins nächste Level führt. Dort stellen sich dann neue Probleme, für die erneut irgendwo eine Lösung bereitliegt. Sie muss nur gefunden werden. Ganz ähnlich funktioniert auch der Roman "Hausers Ausflug". Der Titel fügt sich in die Reihe von Steffen Menschings früheren Romanen – "Jakobs Leiter", "Lustigs Flucht", "Schermanns Augen". Genitivkonstruktionen mit den Namen der Helden sind sein Markenzeichen.

Ein Kammerspiel in der Weite des Hochgebirges

"Hausers Ausflug" ist jedoch ganz und gar wörtlich zu nehmen, denn der Titelheld David Hauser macht keinen netten Ausflug in der Nachbarschaft, er wird ausgeflogen und zwar unfreiwillig, und landet an einem unbekannten Ort im Gebirge. Hauser ist ein erfolgreicher Unternehmer, der – die Geschichte spielt im Jahr 2029 – spezielle Transportboxen entwickelt hat, mit denen abzuschiebende Asylbewerber, die von ihren Herkunftsländern nicht wieder aufgenommen werden, per Fallschirm abgeworfen werden.

Warum er nun selbst in so einer Box gelandet ist, wer ihn entführen oder gar ermorden wollte, bleibt ungewiss. Es ist für die Story, die sich eher zur Abenteuergeschichte als zur politischen Dystopie entwickelt, aber auch nicht wirklich von Belang.

Steffen Mensching inszeniert ein Kammerspiel in der Weite des Hochgebirges. Dass es sich um Syrien handelt, kann David Hauser nur vermuten, da er in seiner Tasche einen falschen syrischen Ausweis mit seinem Foto findet. Mit sehr wenig Proviant macht er sich auf den Weg, ohne zu wissen, wo er Rettung finden könnte. Doch schon nach ein paar Tagen und Nächten gerat er in die Gewalt eines undurchschaubaren, offenbar stummen alten Mannes, der ihn fesselt und in die Berghöhle verschleppt, in der er haust.

Endlose Wiederholungen, immer neuen Schleifen

Von dieser unfreiwilligen Partnerschaft handelt das Buch in weiten Teilen, in endlosen Wiederholungen und immer neuen Schleifen. Denn viel mehr passiert nicht – außer dass Hauser unentwegt denkt und redet und Lösungen sucht, mit seinen Vermutungen aber fast immer falsch liegt. Spannung entsteht allein daraus, ob und wie er aus seiner misslichen Lage herausfinden wird und was die Hintergründe des rätselhaften "Ausflugs" sind.

Für beides findet Mensching keine überzeugenden Antworten. Es geht ums Überleben in der Wildnis, aber mehr noch um Abhängigkeit und um den Sturz aus einem sicheren Leben als reicher, erfolgreicher, politisch allerdings höchst fragwürdiger Unternehmer in die allergrößte, lebensbedrohliche Unsicherheit.

Wenn es darum geht zu zeigen, dass nichts im Leben sicher ist, dass im nächsten Augenblick alles in die Brüche gehen kann, dann hat Mensching dafür eine starke Szenerie erfunden. Doch leider bleibt es dabei. Die Geschichte hat kein keinen doppelten Boden, nichts, was über die durchaus spannende Story hinausweist. Sie ist trotz mach überraschender Wendung so sinnlos wie ein in sich geschlossenes Computerspiel.

Man erfährt zu wenig, um mitleiden zu können

Das hat damit zu tun, dass man über Hauser jenseits seines Überlebenskampfes zu wenig erfährt, um wirklich mit ihm mitleiden oder sich für ihn interessieren zu können. Auch die Dystopie, die mit dem Thema der Zwangsabschiebungen angelegt ist, bleibt unausgeführt. Ein paar Hubschrauber fliegen in den Bergen herum, eine Militärkolonne fährt in der Ferne vorbei, im nächsten Dorf wird geschossen. Das ist aber auch schon alles. Die unendliche Weite der Berglandschaft, die Mensching zeichnet, ist viel zu klein, um etwas über die Weltgesellschaft der Zukunft zu erfahren.

So bleibt der Roman ein literarisches Spiel, das auf nichts verweist als auf sich selbst und all die sorgsam eingebauten Fallstricke und Absturzmöglichkeiten.

Jörg Magenau, rbbKultur

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