Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden © Aufbau
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Roman - Édouard Louis: "Anleitung ein anderer zu werden"

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Édouard Louis ist noch nicht ganz 30 Jahre alt, in Frankreich aber längst ein literarischer Star. Furore sorgte bereits sein Debüt "Das Ende von Eddy" aus dem Jahr 2015, in dem er über seine Homosexulaität und die Herklunft aus prekären, armen Verhältnissen in der nordfranzösischen Provinz berichtete. Eddy Bellegueule, das war er selbst, bevor er sich in Édouard Louis umbenannt hat. Diese Verwandlung ist nun Thema seines neuen Romans "Anleitung ein anderer zu werden". Unser Literaturkritiker Jörg Magenau hat ihn gelesen.

Édouard Louis ist sich selbst alles und ist sich nie genug. Er ist nicht nur sein eigener literarischer Gegenstand, er ist auch das Objekt seiner fortgesetzten Gestaltung. Mit Nachdruck betreibt er seine Transformation in ein Subjekt, an dem nichts mehr so ist, wie es war, und nichts an die eigene Herkunft erinnern soll.

Wille nach Verwandlung

Édouard Louis verwandelt sich vor aller Augen in ein Kunstprodukt wie ein Popstar oder in eine Fiktion wie eine Romanfigur. Sein Aufstieg vom schwulen Außenseiter aus ärmlichsten Verhältnissen in der nordfranzösischen Provinz zum Jungstar der Pariser Literaturszene ist eine erstaunliche Heldengeschichte, die bereits den Subtext seiner Bücher über das trostlose Leben des Vaters und das traurige Leben der Mutter abgab.

Jetzt, in der als "Roman" bezeichneten, höchst eindrucksvollen Auto-Reportage "Anleitung ein anderer zu werden", geht es ausschließlich um ihn selbst. Aber was ist das eigentlich, dieses "Selbst", wenn dessen Kern der Wille nach Verwandlung ist?

Transformationen

Man kann diesen Bericht als Aufstiegsgeschichte aus dem Subproletariat ins Intellektuellenmilieu lesen oder als Lebensreise aus dem dörflichen Hallencourt in der Picardie, wo er aufwuchs, über die Provinzstadt Amiens, wo er das Gymnasium besuchte und zu studieren begann nach Paris, wo er an der berühmten École normale supérieure aufgenommen wurde und zum Schriftsteller wurde. Die Energie dafür bezog er aus einem Rachegefühl und einem Fluchtimpuls. Er wollte dieser Welt, in der er von klein auf als "Schwuchtel" gedemütigt und immer wieder Opfer von Mobbing, Homophobie und Gewalt geworden war, beweisen, dass er ihr überlegen ist und wollte ihr radikal entkommen.

Deshalb musste er alles ablegen, was an seine Herkunft erinnert. Das gelang ihm, indem er andere, die er bewunderte, nachahmte und so sein wollte wie sie. Seine Transformationen haben etwas Chamäleonhaftes. In Amiens nahm ihn eine Schulfreundin in ihre Familie auf. Bei ihr, der schwesterlichen Freundin, lernte er bürgerliche Umgangsweisen, kam mit Büchern und Bildung in Berührung und begann sich anders auszudrücken. Die Sprache ist ein Distinktionsmittel, das auch die Eltern, wenn er sie besuchte, so empfanden: Der Sohn entfernte sich und wurde "etwas Besseres", indem er anders sprach. Auch das Schreiben ist für Édouard Louis schließlich Teil dieser Rache. Er schreibt erklärtermaßen nicht, um Literatur hervorzubringen, sondern um zu beweisen, dass er ein anderer geworden ist.

Die einzige Konstante in Louis' Leben ist seine homosexuelle Identität

In Amiens lernte Édouard Louis bei einem Vortrag dann auch den Soziologen Didier Eribon kennen, der ihm Förderer, Freund und Vorbild wurde. Dass er Soziologie studierte und sich mit den Werken von Pierre Bourdieu befasste, hat er Eribon ebenso zu verdanken wie das Bekenntnis zur eigenen Homosexualität. Das Schwulsein ist vielleicht das Einzige, was ihn wirklich ausmacht – über alle Verwandlungen hinweg, erzählt er doch, wie er sich schon als kleiner Junge zu anderen Jungs und zu Männern hingezogen fühlte. Wenn er dann aber auch die Homosexualität zum Teil seiner Rache erklärt, indem er sich damit vom Vater abgrenzt für den sie das Schlimmstmögliche ist, entspricht das nicht ganz den erzählten Tatsachen, fügt sich aber in das Bild dessen, der nichts an sich selbst dem Zufall überlassen will.

Man kann dieses Buch aber auch als tragische, traurige Geschichte lesen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der alles an sich abstoßen und erneuern muss: Zähne, Haaransatz, soziale Klasse, Kleidung, Lebensraum und vor allem die Sprechweise. Konsequenterweise wählt er, der als Eddy Bellegueulle geboren wurde, dann auch einen neuen Namen und wird zu Édouard Louis. Die einzige Konstante in seinem Leben ist die homosexuelle Identität, doch auch sie wird durch die Verhältnisse der Herkunft deformiert.

Louis beginnt seinen Bericht mit einer fürchterlichen Szene in der er beschreibt, wie er sich, um das Geld für die Zahnbehandlung zusammenzubekommen, prostituierte, dann aber nicht in der Lage ist, die geforderten Dienstleistungen zu verrichten und erneut gedemütigt wird.

Gesellschaftskritiker par excellence

Édouard Louis schont sich nicht. Er stellt sich lustvoll aus und ins Schaufenster. Ja mehr noch: Er wirft sich im Schreiben in Positur. Die Formel dieses Selbstentwurfs lässt sich ganz einfach zusammenfassen. Sie lautet: Narzissmus plus Exhibitionismus ist gleich Autorschaft. Was dabei herauskommt, ist weniger "Roman" oder "Literatur" als ein Bekenntnis oder eine soziologische Studie in eigener Sache. In der Radikalität, mit der er dabei vorgeht, liegt eine enorme Kraft.

Die Wut, die ihn antreibt, und der eigene Erfahrungshintergrund machen Édouard Louis zu einem Gesellschaftskritiker par excellence. Er selbst ist der Einsatz. Er ist der Beweise dafür, was mit dieser Welt nicht stimmt. Um zu überleben, muss einer wie er ein anderer werden. Damit ist er aber auch der Beweis dafür, dass man aus sich selbst alles Mögliche machen kann, wenn man nur will.

Jörg Magenau, rbbKultur

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