Esther Kinsky: Rombo © Suhrkamp
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Roman - Esther Kinsky: "Rombo"

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Das Wort "Rombo" beschreibt ein unheimliches Grollen, das ein Erdbeben ankündigt. Esther Kinsky hat ihrem neuen Roman diesen Titel gegeben. Er stellt die schweren Erdbeben ins Zentrum, die 1976 das Friaul in Italien erschütterten. Tausende Menschen starben, Zehntausende wurden obdachlos. Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Lyrikerin nimmt die Naturkatastrophe zum Anlass, um über das Wesen des Erinnerns zu philosophieren. Esther Kinsky ist mit "Rombo" für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Drei Sonnen stehen über dem Berg, die Hunde jaulen ohne Unterlass, schwarze Carbon-Schlangen zeigen sich plötzlich an ungewöhnlichen Orten. Dann "eine ganz tiefe Stille auf einmal", so erinnern sich die sieben Bewohnerinnen und Bewohner eines der vom historischen Erdbeben im Mai 1976 betroffenen Dörfer im italienischen Friaul unweit der slowenischen Grenze.

Das große Beben

"Und dann begann ein tiefes Summen, und da lief ein Grollen und Zittern und Knirschen durch alles." Das Donnern und Rumoren kündigt das große Beben an - "Rombo" heißt ein altes italienisches Wort dafür, das schon in seinem Klang Phänomen und Vorahnung auf poetische Weise ineinander vereint. Der perfekte Titel für Esther Kinskys neuen Roman, der sich einer Katastrophe annähert:

"Das Erdbeben ist die Folge einer Verschiebung tektonischer Platten. Es gibt etliche Wörter, die zur Anwendung kommen, um zu erklären, was sich am Ende eines Tages der drei Sonnen, der jaulenden Hunde, der rastlosen Carbon-Schlangen, der gellenden Vögel ereignet. Wörter wie Bruchfugen, Spreizungszone, Lithosphäre. Schöne Wörter, die man in der Hand halten kann wie kleine fremde versteinerte Lebewesen: (…) Spaltbildung. Erdbebenleuchten. Das Erdbeben hat eine oberflächenverändernde Wirkung, hört man sagen. Es lässt sich messen. (…) Jedenfalls: die Welt ist nicht mehr dieselbe."

Mythen und Märchen, Wissenschaft und Gedächtnisprotokolle

Das Erdbeben spaltet Leben und Landschaft in ein Davor und Danach. Esther Kinsky nähert sich beidem auf verschiedenen Ebenen. Sie beschreibt von heute aus gesehen Natur, Landschaft, Tierwelt und Wetterphänomene auf der Suche nach in der Landschaft eingeschriebenen Spuren des Bebens. Allen sieben Teilen ihres Romans stellt sie außerdem Auszüge aus wissenschaftlichen geologischen Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts voran.

Im Kontrast dazu gibt Kinsky auch Mythen und Märchen wider, die sich die Menschen im Friaul seit jeher erzählen, zum Beispiel die Sage von der "Riba Faronika", einer mächtigen Meereskreatur, halb Frau, halb Fisch, die mit ihrem gespaltenen Fischschwanz die Erde zum Beben bringt.

Als Übersetzerin und Lyrikerin ist Esther Kinsky auch immer an der Sprache selbst interessiert und vollführt Tastbewegungen mit Wörtern und Begriffen, etwa wenn sie versucht, das Geräusch des "Rombos" zu greifen, "summend, surrend, grollend, murmelnd, donnernd, polternd, rauschend". Im Zentrum des Romans aber stehen die Erinnerungen von sieben Dorfbewohnerinnen und -bewohnern. Sie erzählen von dem Tag des Bebens, dem Davor und Danach in einem lockeren Erzählton, so als habe Kinsky Interviews protokolliert. Was gar nicht so abwegig wäre, weil die Autorin tatsächlich seit einigen Jahren zur Hälfte in einem Dorf in Friaul lebt. Dort ist das Erinnern an das Beben omnipräsent. Die Charaktere in "Rombo" sind aber fiktiv. Interviews hat sie nicht gezielt geführt, wohl aber Gespräche geführt, wenn diese sich ergeben haben.

Das Erinnern selbst ist Thema des Romans

Es geht nun weniger um die Nacherzählung der Katastrophe, als vielmehr um das Erinnern daran und wie Erinnerungen erzählt werden. Zum einen ist da das kollektive Gedächtnis, zum anderen sind da die individuellen Erinnerungen an jenen desaströsen Tag. Esther Kinsky schneidet geschickt Naturbeschreibungen und Mythen mit den Erzählungen der Dorfbewohner:innen gegeneinander. Ein Chor der Erinnerungen erklingt, von dem sich die sieben Einzelstimmen absetzen. So lässt sie diese auch das Erinnern selbst reflektieren.

Mara, die ihre demente Mutter pflegt, fragt sich: was ist die Erinnerung, was ist das Vergessen? Eine Art, Ordnung zu halten, im Schmerz und im Leben überhaupt, sagt sie. Anselmo wiederum, der in Deutschland geboren wurde und als Kind mit seinem italienischen Vater und der kleinen Schwester ohne die Mutter zurück ins Dorf kam, vergleicht die Erinnerung mit "einem Schatten, die einem überall hin folgt, und wenn sie nicht da wäre, würde man vielleicht genauso merkwürdig dastehn wie ohne Schatten". Und Toni stellt fest, dass die Erinnerung etwas ganz anderes wird, sobald er sie erzählt, etwas, das dann "irgendwie nicht mehr zu mir gehört".

Lebensgeschichten, Dorfgeschichten

Darüber hinaus erzählen die sieben auch von anderen Lebenserinnerungen, so dass sich Lebens- und Dorfgeschichte zusammensetzen. Das Leben in den Bergen ist karg, arm und abgeschottet, es gibt kaum Arbeit. Wer kann, geht weg - nach Deutschland, in die Schweiz oder bis nach Argentinien. Verwandte und Eheleute entfremden sich. Auch Lina muss kurz nach ihrer Hochzeit in den Trümmern des Bebens die meiste Zeit des Monats ohne ihren frisch Angetrauten auskommen.

"Rombo" erzählt von Ritualen und Festen, von Solidarität und Streit, von Sehnsüchten und vom Scheitern in einem abgeschiedenen Bergdorf. Fest steht: dieses Beben hat das Leben aller für immer verändert, verschoben und verrückt, "der Boden des täglichen Lebens wird zum gestörten Gelände, auf dem ein jeder nach Verlorenem sucht, tastend, schauend, horchend".

Dies sind genau die Suchbewegungen, die Esther Kinsky in ihrem Text vollführt.

Nature Writing

Wie in ihren früheren Büchern "Hain.Ein Geländeroman" - für den sie 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse bekam - und "Am Fluss" sind auch in "Rombo" Landschaft, Natur und Tierwelt gleichgestellte Protagonisten. Esther Kinsky legt Schichten von Gestein, Geschichte und Geschichten frei, die zu einer Landschaft des Erinnerns werden. Interessanterweise haben die Wörter Sediment und Sentiment eine große Ähnlichkeit, der Esther Kinsky hier auf den Grund geht.

"Rombo" ist ein aufregender Text, ein poetisches Flirren, das den Prozess des Erinnerns zu seinem Gegenstand macht und dieses Grollen, das dabei erzeugt wird, hallt lange nach – auch wenn die vielen Vermessungen der Landschaft und Beschreibungen des Tierwesens zwischendurch auch mal Durchhaltevermögen abverlangen.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

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