Ian McEwan: Lektionen © Diogenes
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Roman - Ian McEwan: "Lektionen"

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"Der Zementgarten", "Abbitte", "Saturday", "Kindeswohl", "Nussschale", "Maschinen wie ich" - die Liste der Romane, mit denen Ian McEwan Weltruhm erlangte, ließe sich noch um viele Titel erweitern. Einige Bücher des 1948 geborenen britischen Autors sind erfolgreich verfilmt worden. Für sein schillerndes Werk hat er viele Auszeichnungen erhalten, auch den Booker-Prize. Regelmäßig wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Bekommen hat er ihn - leider - noch nicht. Jetzt ist sein neuer Roman erschienen: "Lektionen". Mit über 700 Seiten der bisher umfangreichste Roman des Autors: sein "Opus Magnum".

Der Autor ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens, beherrscht perfekt alle Spielarten der Erzählkunst, ob lineare Chronologie oder zersplitterte Rückblende, traumatische Einbildung oder komplexe Wirklichkeit: Er jongliert mit magischer Hand und formt aus einer literarischen Collage ein großes Gesellschaftspanorama, sprachlich brillant, dramaturgisch raffiniert und thematisch von atemberaubender Fülle.

Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann

Der verschlungene Roman und die vielen Figuren, deren Schicksale sich immer wieder kreuzen, die geschickt miteinander verwobenen Handlungsfäden: das alles entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Wer das Buch zur Hand nimmt, sollte für die nächsten Tagen alle Freizeitaktivitäten und sozialen Begegnungen absagen: Erst wenn man alle Gründe und Abgründe durchlebt und die letzte Seite dieses unfassbar gelungenen Romans umgeblättert hat, wacht man wieder wie aus einem langen Traum auf, der einen verzaubert und verwirrt und in Lage versetzt, die eigenen Gedanken zu sortieren das Leben besser zu verstehen.

Ein Schicksal verknüpft mit politischen Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen

Der Sog entsteht, indem wir mit der Hauptfigur, Roland Baines, durchs ganze Leben stolpern: von der Nachkriegskindheit in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart der Corona-Pandemie, wir begleiten ihn auf allen Wegen und Irrwegen, erleiden alle persönlichen Niederlagen und genießen die wenigen Siege des zutiefst mittelmäßigen Mannes, der permanent an sich selbst, seinen familiären Prägungen, emotionalen Krisen und sexuellen Obsessionen scheitert.

Auf wundersame Weise ist Rolands Schicksal verknüpft mit politischen Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen, dem Untergang des britischen Kolonialreiches, der Suez- und der Kubakrise, dem Fall der Mauer und dem Klimawandel.

Roland Baines irrlichtert durch die Welt

Er wächst als Sohn eines britischen Offiziers in Libyen auf und genießt dort große Freiheiten, bevor er mit elf Jahren nach England in ein Internat abgeschoben wird. Dort macht er eine Begegnung, die sein ganzes Leben prägen wird: als in der Kubakrise die Welt am Abgrund steht, will er vor der nahenden Apokalypse wenigstens einmal mit einer Frau geschlafen haben und landet, da ist er erst 14, im Bett seiner Klavierlehrerin. Er wird ihr sexuell hörig und kann sich nur aus ihren Fängen befreien, indem er mit 17 fluchtartig das Internat verlässt, seine Zukunft als klassischer Pianist sausen lässt und sich fortan mit unregelmäßigen Jobs als Werbetexter und Barpianist und unzähligen Liebhaberinnen durchs Leben schlägt.

Die Ehe mit Alissa, einer deutschstämmigen Frau, scheitert kläglich: Sie fühlt sich von Roland eingeengt, verlässt ihn um der großen Kunst willen. Nur ohne ihren Mann, der mit einem kleinen Baby allein zurückbleibt, während atomare Wolken aus Tschernobyl über Europa ziehen, kann sie zur starken Frau werden, ihre eigene Karriere als Schriftstellerin starten und zu einer bedeutenden Autorin werden.

Roland irrlichtert durch die Welt, versorgt Freunde in der DDR mit verbotenen Büchern und Platten, beobachtet, wie sein begabter Sohn zu einem angesehen Klimaforscher heranwächst und findet im hohen Alter fast noch das kleine private Glück, würde nicht ein plötzlicher Tod dazwischenfunken und ihn in existenzieller Einsamkeit zurücklassen.

Lebenserfahrungen durch Lektionen

In vielen "Lektionen" muss Roland erfahren, welche Rolle der Zufall im Leben spielt, wie das Trauma der Vergangenheit die Gegenwart vergiftet, Geheimnisse irgendwann ans Tageslicht kommen und alles infrage stellen. Muss verstehen, dass große Kunst oft nur unter großem Verzicht möglich ist, Kreativität nicht vom Himmel fällt, aber auch das Mittelmaß seine guten Seiten hat.

Er erhält Lektionen am Klavier und im Bett, und obwohl er virtuos spielen und lieben kann, findet er doch keine Befriedigung. Er muss lernen, dass die tollsten politischen Pläne an der harten Realität zerbrechen und man mit schnödem Pragmatismus weiter kommt als mit schönen Utopien. Kapieren, dass zu frühe Freiheitserlebnisse einen untauglich machen können für ein geregeltes Arbeits- und Eheleben.

Er muss sich fragen, was ein Menschenleben ausmacht, und was bleibt, wenn man zu viele Chancen verpasst, man erst spät herausbekommt, warum die Mutter immer traurig und der Vater so abweisend war, warum die eigenen Gewissheiten sich in Luft und Lüge auflösen, wenn man seine eigene Sicht der Dinge mit der Sicht der anderen abgleicht.

Mehr Wunsch- als Autobiografie

Der Verlag annonciert das Buch als den "bisher persönlichsten Roman" des Autors. Er ist autobiografisch grundiert, McEwan hat viele seiner eigenen Gedanken und Erlebnisse eingeschmuggelt, aber sie dann verfremdet und neu erzählt. Es ist keine Autobiografie, sondern eher eine Wunschbiografie: ein Versuch darüber, was hätte passieren können, wenn er manchen Weg weiter gegangen und manchem Geheimnis eher auf die Schliche gekommen wäre.

McEwan ist tatsächlich Sohn eines schottischen Offiziers, der in Libyen stationiert war, er wurde wirklich als Kind auf ein britisches Internat geschickt: aber eine Klavierlehrerin, die ihn verführte und verhexte, hat es nie gegeben. Ja, seine Mutter hat ihm, wie im Roman, jahrzehntelang verschwiegen, dass er einen unehelichen Bruder hat. Und nein, er wurde von seiner Ehefrau nicht mit einem kleinen Baby sitzen gelassen, sondern musste sich nach der Trennung das Sorgerecht für seine beiden Kindern vor Gericht erkämpfen.

Ja, McEwan war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nein, seine Schwiegereltern hatten keine Beziehung zum Widerstand der "Weißen Rose", der im Roman thematisiert wird und in der Nachkriegszeit als Feigenblatt für den "Guten Deutschen" diente. Man könnte unzählige Details des Romans auf autobiografische Hinweise abklopfen, aber wozu sollte das nützlich sein, geht es doch McEwan um eine Wahrhaftigkeit, die über das Einzelschicksal in die Farce der menschlichen Komödie hinausweist.

Irgendwann söhnt sich Roland mit der vereinsamten Bestseller-Autorin Alissa aus und zieht Bilanz, fragt sich, was er selbst geschaffen hat: "Keine Bücher, keine Songs, keine Gemälde, nichts Erfundenes, das ihn überdauern würde. Würde er seine Familie gegen ihren Meter Bücher austauschen?" Nein: "Er schüttelte den Kopf."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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