Theresia Enzensberger: Auf See © Hanser
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Roman - Theresia Enzensberger: "Auf See"

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Als Tochter eines in der Literaturwelt sehr berühmten Vaters sind die künstlerischen Schuhe, in die Theresia Enzensberger steigen muss, naturgemäß ziemlich groß. Dass sie Name und Herkunft nicht als Last und Bürde, sondern als kreativen Ansporn versteht, macht das Werk der 1986 geborenen Autorin umso reizvoller und spannender. Sie schreibt für die FAZ und die ZEIT und gründete das preisgekrönte BLOCK-Magazin. Ihr zweiter Roman "Auf See" wurde sogleich für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Es ist nur eine kurze Schiffspassage, denn die Autorin nimmt uns mit auf eine künstliche Insel in der Ostsee, genannt: die "Seestatt", gegründet und gebaut von Aussteigern, die hier ihre Träume von Selbstversorgung, Nachhaltigkeit und Freiheit verwirklichen wollen. Sie sind vor den Krisen des Kapitalismus, vor ökologischer Verwüstung und nahender Klimakatastrophe in die Autarkie und Selbstbestimmung geflohen, wollen hier die Utopie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit realisieren und ein Modell aufbauen für eine bessere, lichte Zukunft des geschundenen Planten.

Die schöne Utopie verwandelt sich in eine bedrückende Dystopie

Doch wir merken schnell, dass hier etwas nicht stimmt und die schöne Utopie sich in eine bedrückende Dystopie verwandelt hat: Die Insel ist morsch und marode, die Bewohner schleichen schweigsam und ängstlich zu ihren Workshops, bei denen sie zu besseren Menschen erzogen werden sollen, das Essen in der Kantine schlingen sie lustlos herunter. Viele sind wieder in ihr altes Leben abgehauen, andere wissen gar nicht mehr, was sie hier noch hält. Der Gründer und Vordenker der Utopie glänzt immer öfter durch Abwesenheit.

Vor der Insel ankert ein ausgemustertes altes Kreuzschiff, auf dem unter unwürdigen Bedingungen Menschen hausen, Flüchtlinge der weltumspannenden Bürgerkriege, die nur zum Arbeiten und Putzen auf die Insel gelassen und dann wieder auf ihr Sklavenschiff zurück verfrachtet werden.

Willkommen in der schönen neuen Welt, die Theresia Enzensberger in eine unbestimmte, aber sehr nahe Zukunft verlegt. Hereinspaziert in eine literarische Fantasie, die mit den alten Schreckensvisionen von Orwell und Huxley spielt, sie ins postmoderne Zeitalter des digitalen Überwachungsstaates überführt und zeigt, dass die schönsten Utopien vor allem an Größenwahn und toxischer Männlichkeit scheitern.

Mehrere Stimmen und Zeitebenen

Theresia Enzensberger ist eine trickreiche Erzählerin, die es uns nicht leicht machen will, deshalb gibt es mehrere Stimmen und mehrere Zeitebenen, die zwischen Gestern und Morgen genauso pendeln wie zwischen der "Seestatt" draußen in der Ostsee und dem Leben im vermeintlich von Krieg und Katastrophen vollends verwüsteten Europa.

Das soll jedenfalls die Hauptfigur des Romans glauben, Yada, eine junge Frau von 17, 18 Jahren, Tochter des Insel-Gründers, die zum neuen Menschen erzogen wird. An ihre Mutter, die angeblich noch in Berlin, wo Yada früher mit ihr lebte, an einer Psychose litt und verstarb, erinnert sie sich kaum noch. Doch allmählich kommen Yada Zweifel, ob ihr Vater die Wahrheit sagt, ob er sie nicht benutzt, um sie als Vorzeige-Individuum stolz präsentieren zu können und endlich als eigenständiger Staat international anerkannt zu werden.

Yada ist die einzige Figur, die eine eigene Stimme hat. In der temporeichen Szenen-Collage ist sie die einzige Ich-Erzählerin: Wenn sie vom Leben auf der Insel berichtet, von ihren Alpträumen, vom Gefühl, ständig überwacht und medikamentös ruhig gestellt zu werden, vom Verrat ihrer großen Liebe, Rebecca, schließlich von ihrer Flucht aufs Festland und davon, wie sie in Berlin landet und in eine unwirkliche Realität gerät, die zwar Zeichen der Verwahrlosung trägt, aber beliebe nicht zerstört und untergegangen ist, dann wirkt das beängstigend und authentisch. Und wenn sie zum Schluss - soviel darf ich verraten - mit einem alten, klapprigen Auto ins Offene und Freie fährt, hat man fast ein wenig Hoffnung, dass die Zukunft vielleicht doch nicht schlimm sein wird, wie viele befürchten.

Allwissende Erzählstimme

In anderen Passagen hört man eine allwissenden Erzählstimme, vielleicht ist es Yada, die irgendwann, nachdem sie in die Freiheit entkommen ist, vom Scheitern der "Seestatt"-Utopie und von ihrer Selbstbefreiung aus der Unmündigkeit berichtet. Diese Kapitel handeln von Rand- und Nebenfiguren, von Agnes und August, Sophie und Kamilla, sie leben in Berlin, Yada wird sie erst spät kennenlernen, genauso wie sie auch Helena erst spät treffen wird, die zweite Hauptfigur des Romans.

Die allwissende Erzählstimme hatte schon in der Zeit, als Yada noch in ihrem Insel-Gefängnis vegetierte, mehrfach Passagen eingeschmuggelt und von Helena berichtet, ihrem Leben als überdrehte Künstlerin in Berlin und als Guru einer Sekte, die sie nur gegründet hat, um daraus eine verrückte Kunst-Performance zu machen. Helena führt ein unstetes Leben, durchtanzt die Nächte, amüsiert sich mit unzähligen Liebhaber:innen - eine nach außen starke, nach innen verletzliche Person mit einem großen Geheimnis, das ich nicht lüften werde.

Nur so viel: Wenn sich Helena und Yada begegnen, wird der Roman neu beginnen, die Geschichte noch einmal neu aufgerollt und in einem anderen Licht dargestellt: literarisch gewagt, aber spannend.

Die Autorin will zu viel

Leider will die Autorin zu viel und greift immer wieder in ein sogenanntes "Archiv", fördert Essays zutage, die zwischen Realität und Fiktion wandeln, und klemmt sie zwischen die Romanhandlung. Sie berichtet von gescheiterten Utopien, reanimiert Seemannsgarn und Piratengeflunker, erzählt von Sonderwirtschaftszonen, der Geburt des Neoliberalismus und Konzepten für selbstverwaltete Inseln. Alles basiert auf Fakten, aber Theresia Enzensberger hat alles noch mal neu erfunden und in Fiktion verwandelt, auch ihre "Seestatt"-Utopie hat historische Wurzeln und Lektüre-Quellen, die sie in einem Nachwort genau benennt.

Unerwähnt bleibt in ihren Lektürenachweisen seltsamerweise Mary Shelley und ihr Schauerroman "Frankenstein", zu dem sie aus Langeweile bei einem verregneten Urlaub am Genfer See angeregt wurde und in abendlichen Leserunden vortrug. Auch Helena wird im Roman mit Freunden bei garstigem Wetter einmal an den Genfer See reisen und künstlerische Fantasieren ausbrüten, bevor sie fluchtartig nach Berlin zurückkehrt, Yada trifft und ihrem chaotischen Leben und dem Roman eine völli neue Wendung gibt.

Das "Archiv" und die Essays geben dem Roman eine ironisch-wissenschaftliche Note: Ein neckisches literarisches Spiel, das der Roman aber eigentlich nicht braucht. Ich hätte als Leser jedenfalls gut und gern darauf verzichtet.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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