Abdulrazak Gurnah: Nachleben © Penguin
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Roman - Abdulrazak Gurnah: "Nachleben"

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Zum Ritual des Literaturnobelpreises gehört, dass er oft an jemanden vergeben wird, mit dem niemand gerecht hat. Als Abdulrazak Gurnah im vergangenen Jahr die Auszeichnung erhielt, kannten hierzulande nur wenige den Namen des Autors, der 1948 im (damaligen) Sultanat Sansibar geboren wurde, später nach England floh und lange Jahre an der Universität von Kent als Literaturprofessor tätig war. Jetzt wurde sein bisher jüngster Roman "Nachleben", veröffentlicht 2020 in England, frisch ins Deutsche übertragen.

Kolonialismus und Rassismus, Migration und Heimatlosigkeit: Wer könnte darüber wahrhaftiger und authentischer erzählen als jemand, der in dem vom Kolonialismus verwüsteten Afrika aufgewachsen ist und sich dann vor Bürgerkriegen, ethnischen und religiösen Verwüstungen, sozialistischen Experimenten und wahnsinnigen Diktatoren nach Europa rettete. Der erfahren musste, dass auch hier der Rassismus tief verwurzelt ist, der Heimatlose nicht mit offenen Armen empfangen wird und kaum jemand bereit ist, sich mit den Verbrechen und den Folgen des Kolonialismus auseinanderzusetzen. Es ist das große Verdienst von Gurnah, den Finger in die alten Wunden zu legen und Menschen eine Stimme zu geben, die lange Zeit niemand hören wollte.

Gnadenlose Bestandsaufnahme

Gurnah reist literarisch immer wieder zurück in seine Heimat, er stöbert in vergilbten Familienalben, spürt Mythen und Märchen nach, schlägt eine Schneise durch das Dickicht aus multiethnischen, religiösen und politischen Verwerfungen und hält Deutschland einen historischen Spiegel vor, in den wir nicht gern blicken: Sehen wir doch darin eine besonders grausame Kolonialmacht, die in Ostafrika blutige Massaker angerichtet und - im Gegensatz zur Kolonialmacht Großbritannien - keine staatliche Ordnung aufbauen, sondern nur ausbeuten und unterwerfen wollte.

Gurnah entfaltet in "Nachleben" ein großes Panorama der Kolonialkriege in Ostafrika: Es ist eine gnadenlose Bestandsaufnahme und eine literarisch vielschichtige Erinnerung daran, was Deutsche angerichtet haben - und dass Verletzung und Entwurzelung wie ein Krebsgeschwür über Generationen immer weiter wütet.

Lebenswirklichkeit in Ostafrika kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges

Drei Personen stehen im Fokus der Handlung, um sie herum kreisen unzählige Menschen und Ereignisse, die Erzählfäden laufen lange Zeit locker nebeneinander her und überlappen sich schließlich. Doch bis wir die drei Figuren richtig kennenlernen, skizziert Gurnah zunächst die von Armut und Ausbeutung, Kolonialismus und Krieg geprägte Lebenswirklichkeit in Ostafrika kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, arabische Händler, indische Geldverleiher, deutsche Soldaten, religiöser Hass: ein chaotischer Schmelztopf widerstreitender Interessen, in dem ein kleiner Funke ausreicht, um einen Flächenbrand auszulösen.

Da ist Ilyas, der mit elf von zu Hause aus bitterster Armut flieht, von Soldaten aufgegriffen wird und bei einem deutschen Plantagenbesitzer Unterschlupf findet, Bildung erhält und Deutsch lernt. Als er nach Jahren in sein Dorf zurückkehrt, sind seine Eltern tot und seine Schwester Afiya bei Verwandten, die das Mädchen wie eine Sklavin misshandeln. Ilyas kümmert sich um Afiya, bringt ihr Rechnen, Lesen, Schreiben bei, gibt ihr Deutschunterricht, macht sie zu einer starken jungen Frau, die keine Lust hat, sich Konventionen anzupassen oder gar mit einem fremden Mann zwangsverheiratet zu werden: Genau das droht ihr aber, nachdem Ilyas sich bei Ausbruch des Krieges den deutschen Truppen anschließt und es jahrelang kein Lebenszeichen von ihm gibt.

Afiya wehrt sich gegen Bevormundung und findet in Hamza einen wesensverwandten Mann: Auch er hatte bei den deutschen Truppen gedient und kommt nun körperlich schwer versehrt aus dem Krieg heim, auch er beherrscht die deutsche Sprache, hat von seinem Vorgesetzten, der ihm homoerotische Blicke zuwarf und ihn bevorzugt behandelte, Bücher von Schiller und Heine bekommen. Hamza wird in seinen Alpträumen von den Gespenstern des Krieges heimgesucht. Aber als Afiya einen Sohn zur Welt bringt, dem sie den Namen ihres verschollenen Bruders gibt, Ilyas, scheint das private Glück perfekt. Doch natürlich lauert am Horizont bereits kommendes Unheil und das ungeklärte Schicksal von Ilyas: eine Leerstelle, ein Geheimnis, eine offene Wunde.

Vom postkolonialen Afrika in die bundesdeutsche Realität

Zum Schluss wird die Erzählung ein paar Jahrzehnte vorgespult und schreibt sich aus dem postkolonialen Afrika in die bundesdeutsche Realität fort. In Ilyas, dem Sohn von Afiya und Hamza, rumort das ungewisse Schicksal seines verschollenen Onkels, das macht ihn zum Eigenbrötler und Stimmenimitator, der ständig vor sich hinbrabbelt, der von manchen für verrückt erklärt wird, und den auch eine Hexenaustreibung nicht wirklich heilen kann.

Bei einem Aufenthalt in Deutschland findet er Hinweise, dass Onkel Ilyas damals nach Berlin gereist ist, um als ehemaliger Askari, so hießen die afrikanischen Söldner der deutschen Truppen, seinen Sold und seine Rente einzufordern: natürlich ohne Erfolg. Aber er bleibt in Deutschland, wird Schauspieler und Sänger, tritt bei Nazi-Veranstaltungen auf, bei denen von einem neuen Kolonialreich geträumt wird. Er wird lange geduldet. Doch eine Affäre mit einer Deutschen bringt ihm den Vorwurf der "Rassenschande" ein: Er wird verhaftet und stirbt im KZ.

Gurnah bringt damit noch ein heikles Thema in die Debatte und stellt die Frage nach der Kontinuität zwischen deutschem Kolonialismus und den Verbrechen der Nazis. Ein bisher ungeklärtes, weites Feld für alle, die sich mit Nationalsozialismus und Holocaust beschäftigen und das "Nachleben" von Traumata untersuchen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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