Margaret Atwood: Innigst / Dearly © Berlin Verlag
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Gedichte eines Lebens / Poems of a Lifetime - Margaret Atwood: "Innigst / Dearly"

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Seit wie vielen Jahren eigentlich wird Margaret Atwood als heiße Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt? Kaum jemand bezweifelt, dass die kanadische Autorin, die sich mit Romanen wie "Der Report der Magd", "Zeuginnen" und "Der blinde Mörder" in die Weltliteratur eingeschrieben hat, die Auszeichnung längst hätte bekommen müssen. Nur die Jury in Stockholm ziert sich noch. Vielleicht lässt sie sich ja durch die neuen Gedichte der 1939 geborenen Schriftstellerin erweichen und überzeugen: Im Berlin Verlag erscheint nun der von Jan Wagner ins Deutsche übertragene Gedichtband "Innigst / Dearly".

Es sind großartige Gedichte, literarisch fein geschliffen, sprachlich brillant, gedanklich faszinierend, politisch anregend: sie laden zum Träumen und zum Protestieren ein, zum lyrischen Verweilen und zum Aufbruch in unbekannte Welten, sie zeigen eine Autorin, die sich manchmal schmerzlich an die verlorene Zeit und die vergeudeten Mühen der Vergangenheit erinnert, die aus der lyrischen Verarbeitung von Erlebtem und der sprachlichen Durchdringung des Möglichen neue Hoffnung und Kraft schöpft, weiter daran zu arbeiten, die von Verhunzung und Verknappung gefährdete Schönheit der Sprache zu bewahren und die von Krieg und Klimakrise bedrohte Welt zu retten - oder wenigstens ein bisschen besser zu machen.

Laute und leise, heitere und traurige Gedichte

Die Gedichte sind laut und leise, heiter und traurig, sie wandeln auf dem schmalen Grat zwischen lyrisch hermetischer Bildersprache und alltagssprachlicher Verständlichkeit. Die Erkundung der eigenen Innerlichkeit dient immer der Erforschung des Anderen, des Vermissten, aber sehnlichst Erwünschten; die psychologische Reise ins Innerste der Gefühlslandschaft wird unternommen, um die Welt da draußen sprachlich einzukreisen und sich selbst als Teil von Gesellschaftsprozessen zu verstehen, von Freiheits- und Emanzipationsbestrebungen, die noch längst nicht entschieden sind - aber die Poesie brauchen, um die Gedanken zu sortieren und gegen sprachliche Entfremdung besser gewappnet zu sein.

Gedanken und Erlebnisse aus elf Jahren

Ein Curriculum an Gedanken, ein Kompendium von Erlebnissen, die Atwood zwischen 2008 und 2019 mit sich herumgetragen hat: handschriftlich notiert auf losen Zetteln, die sie in eine Schublade wirft und irgendwann wieder herausholt, um sie abzutippen, zu überarbeiten, neue Gedichte hinzuzufügen.

"Während dieser elf Jahre", schreibt sie, "verdunkelte sich die Welt. Auch wurde ich älter. Menschen, die mir sehr nahestanden, starben.

"Lyrik", sagt sie, "beschäftigt sich mit dem Kern menschlicher Existenz, mit Leben, Tod, Erneuerung, Wandel, aber auch mit Redlichkeit und Unredlichkeit, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Mit der Welt in ihrer ganzen Vielfalt. Mit dem Wetter. Zeit. Trauer. Freude. Und mit Vögeln."

Im Zentrum stehen Gedichte, die sich mit der Emanzipation der Frau beschäftigen

Weil sie hofft, dass wir die Klimakrise besiegen und die Natur bewahren, spricht sie also immer wieder von Vögeln und Federn, von Walen und Wölfen, von Spinnen und Pilzen. In einer "Plastizän-Suite" beobachtet sie ein "Steinähnliches Objekt am Strand" und einen "Albatros auf den Midwayinseln", einmal wandert sie an einem Fjord entlang, ein anderes mal spürt sie den Regen auf der Haut.

Sie betrauert auch das Sterben von Freunden, das langsame Dahindämmern ihrer Mutter, die Mühen des Alters. Im Zentrum stehen aber stehen Gedichte, die sich mit der Emanzipation der Frau beschäftigen, der Wut auf eine von Männern gemachte und verunstaltete Welt.

In einem Lieder-Zyklus "für ermordete Schwestern" heißt es: "So viele Schwestern verloren / So viele verlorene Schwestern // In all den Jahren, Jahrtausenden / So viele vor der Zeit // Verstoßen in die Nacht / Von Männern, die glaubten, so sei es gedacht // Zorn und Haß / Eifersucht und Angst // So viele Schwestern umgebracht / In all den Jahren, Jahrtausenden // Umgebracht von furchtsamen Männern / Die sich größer wähnen // In all den Jahren, Jahrtausenden / So viele Schwestern verloren // So viele Tränen."

"Dearly / Innigst" - ein altes Wort, das verblasst

"Dearly / Innigst" ist eines jener Wörter, die kaum noch benutzt werden, die Atwood aber bewahren möchte, weil sie schön sind, vielfältig, tiefgründig. "Innigst", schreibt sie in einem Gedicht, "ist ein altes Wort, das verblasst. / Innigst wünschte ich. / Innigst sehnte ich mich. / Ich liebte ihn innigst."

Innigst ist ein altes Wort, das verblasst. / Innigst wünschte ich. / Innigst sehnte ich mich. / Ich liebte ihn innigst.

Sie betrauert all die langsam verblassenden Wörter, weil mit ihnen auch Menschen und Gedanken verloren gehen, die Vergangenheit sich auflöst, die Gegenwart einförmig, die Zukunft eintönig wird: die alten Wörter sind für sie "Innigst Geliebte, / hier versammelt / in dieser geschlossenen Schublade, / die ihr nun verblasst, ich vermisse euch. / Ich vermisse die Vermissten, die schon früher aufbrachen. / Ich vermisse sogar jene, die noch hier sind. / Ich vermisse euch alle innigst. / Innigst gräme ich mich um euch. // Gram: ein weiteres Wort, / das man nicht mehr oft hört. / Ich gräme mich innigst."

Das mag melancholisch und altbacken klingen, aber es ist wunderschön.

Ganz große Poesie - auch in der Übersetzung

Jan Wagner trifft den richtigen Ton, nicht weil er wortwörtlich übersetzt und am Original klebt, sondern weil er den Mut hat, sich frei im Assoziationsfeld der Wörter und Verse zu bewegen, dem Sound der Gedichte nachzuspüren und einen eigenen Rhythmus zu finden. Bei der Übertragung von "dearly" entscheidet er sich nicht für "inniglich" oder "vom ganzen Herzen", sondern für das vieldeutig-eigenwillige Wort "innigst", und macht einen ganz neuen, unerwarteten Bedeutungsraum auf.

Im Gedicht "Flatline / Nulllinie" schreibt Margaret Atwood, "Things wear out. Also fingers. / Gnarling sets in. / Your hands crouch in their mittens, / forget chopsticks, and buttons." Jan Wagner übersetzt: "Die Dinge verschleißen. Auch Finger / Alles verkrümmt sich. / Deine Hände kauern in ihren Fäustlingen, / Stäbchen und Knöpfe kannst du vergessen."

Atwood schließt das Gedicht mit den Worten: "No more hiss and slosh, / no reefs, no deeps, / no throat rattle of gravel." Bei Jan Wagner heißt es: "Kein Zischen mehr und Schwappen, / keine Riffe, keine Tiefen, / kein Schotterkehlgeröchel."

Margaret Atwood und Jan Wagner grübeln, wie sich das "Schotterkehlgeröchel" wohl anhören mag: "It sounds like this" / "Es klingt so" meinen Atwood und Wagner und setzten einen Doppelpunkt, hinter dem dann aber nichts mehr kommt - kein Wort, keine Erklärung, nur weißes Papier und Raum für Fantasie: sie überlassen die Antwort dem Leser.

Das ist gut so und ganz große Poesie.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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