Johan Eklöf: Das Verschwinden der Nacht; Montage: rbbKultur
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Sachbuch - v_rezension

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Etwas 6.000 Sterne kann der Mensch mit bloßem Auge am Nachthimmel sehen – und noch zahllose andere Himmelskörper. Allerdings nur, wenn absolute Dunkelheit um ihn herum herrscht. In Las Vegas, einem der hellsten Orte der Welt, sehen die Menschen höchstens zehn Sterne. Der schwedische Autor und Zoologe Johan Eklöf hat ein Buch über die Lichtverschmutzung geschrieben, die uns den Blick in den Himmel verwehrt, aber vor allem die Natur bedroht.

"Carpe noctem! – Nutze die Nacht!" – Mit diesem Ausruf beendet Johan Eklöf sein Manifest für die Rettung der Nacht und damit der Dunkelheit. Es ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an unsere Welt, wie sie seit Jahrmillionen besteht, mit ihrem ewigen Rhythmus aus Licht und Dunkelheit. Und zugleich ist es eine nüchterne und detaillierte Bestandsaufnahme der Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts durch den Menschen.

Die zerstörerische Kraft des künstlichen Lichts

Als ein Beispiel wählt Eklöf das klassische Bild der Motten, die das Licht umschwirren, weil sie denken, es wäre der Mond, an dem sie ihren Flug orientieren: "Wenn Insekten einmal von dem hypnotisierenden Licht eingefangen wurden, bleiben sie da. Die meisten sterben noch vor Tagesanbruch, manche einfach aus Erschöpfung. (…) Sie haben keinen Nektar getrunken, keine Pollen transportiert, keinen Partner gefunden und keine Eier gelegt."

Und so können ganze Populationen in kürzester Zeit verschwinden. Johan Eklöf erklärt dieses Phänomen in seiner ganzen vernichtenden Dimension.

Eklöf ist ein schwedischer Zoologe, der sich auf Fledermäuse spezialisiert hat, auf die Wesen der Nacht, die die Menschen seit Jahrhunderten faszinieren. Und so kehrt er in seinem Buch auch immer wieder zu ihnen zurück. Steigt auf 1.000 Jahre alte Kirchtürme, sucht sie in tiefen Wäldern und großstädtischen Parks. Und kommt jedes Mal zum gleichen Ergebnis: Die Fledermäuse und fast alle ihre nacht- und dämmerungsaktiven Gefährten – seien es Insekten, Vögel, Säugetiere und auch Pflanzen – leiden unter dem künstlichen Licht. Das gilt für angestrahlte Dorfkirchen ebenso wie die riesigen gelben Lichtglocken über den Großstädten.

Dunkelheit ist überlebenswichtig

"Die Lichter und das Grundleuchten der großen Städte löscht das Sternenlicht selbst in klaren Nächten aus und lockt die Vögel aus ihrer normalen Flughöhe hinunter. (…) Zwischen den Wolkenkratzern und Türmen jedoch sind die Vögel in einem Labyrinth von verwirrenden Lichtern, spiegelndem Glas und hohen Hindernissen gefangen. Die Lichtglocke der Innenstädte kann aus der Entfernung sogar aussehen wie ein heller Schimmer am Horizont, was dazu führt, dass die Vögel darauf zufliegen und komplett vom Kurs abkommen."

Dunkelheit, Schatten, Dämmerung: Das brauchen die meisten Lebewesen, an Land und auch im Wasser – zur Orientierung, zum Schutz, für die Jagd, für die Fortpflanzung. Der Mensch gehört zu den wenigen Säugetieren, die tagaktiv sind – oder es vielmehr waren. Denn durch die Erfindung der elektrischen Beleuchtung war es plötzlich möglich, nachtaktiv zu werden, durch Schichtarbeit in rund um die Uhr beleuchteten Fabriken, Nachtarbeit in Büros und Festbeleuchtung zu Hause. Johan Eklöf erklärt auch den Schaden von künstlicher, vor allem bläulicher LED-Beleuchtung für die Menschen, die nachts im Bett noch aufs Handy starren.

Zurück zur Schönheit der Nacht

Doch viel mehr Raum widmet er der Schönheit und den Wohltaten der Nacht. Mit ihm gemeinsam stehen die Leser im schwedischen Wald und entdecken ihre Nachtsehfähigkeit, reisen an die dunkelsten Orte der Erde, wie dem Death Valley in den USA oder dem extra für Dunkelheit-Touristen geschaffenen "Dark Sky Park" auf der dänischen Insel Møn:

"An Abenden mit bedecktem Himmel liegt das Erlebnis in der Dunkelheit selbst, diesem kompakten Nichts und dem langsamen Herauswachsen von Nuancen, wenn sich die Augen an die neuen Verhältnisse gewöhnt haben. Bei klarem Himmel liegt der Fokus natürlich auf den Sternen. Die Milchstraße zieht sich wie eine funkelnde Perlenschnur über den Himmel. Und wer im Winter kommt, den erwartet ein Funken sprühendes Feuerwerk von Anbeginn aller Zeit. Dann verwandelt sich die Dunkelheit in einer Lichtershow."

Nutze die Nacht!

Vieles von dem, was Eklöf berichtet – das Sterben der Insekten, die verirrten Zugvögel – ist schon lange bekannt. Doch er fügt so viele Aspekte und Details zu einem großen Bild zusammen, dass es eine enorme Wirkung entfaltet. Er gibt sowohl Behörden als auch Gartenbesitzern ganz praktische Tipps, um die Dunkelheit zu retten.

Doch seine wichtigste Empfehlung ist, die Angst vor der Nacht zu verlieren: "Die Nacht ist ganz einfach unsere Freundin. Im Dunkeln, in der Stille und in der subtilen Schönheit der Nacht ruhen wir aus. Wir beziehen Inspiration aus der Nacht, aus der Milchstraße und den fernen Lichtern am Himmel. Noch lebt die Nacht. Wir sollten sie uns zurückerobern. Carpe noctem!"

Irène Bluche, rbbKultur

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