Olivier Guez: Lob des Dribbelns © Aufbau Verlag
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Über den Mythos des südamerikanischen Fußballs - Olivier Guez: "Lob des Dribbelns"

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Für das Drehbuch von "Der Staat gegen Fritz Bauer" erhielt Olivier Guez den Deutschen Filmpreis. Und sein Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" wurde zum internationalen Bestseller. Nun ist im Aufbau Verlag sein neues Buch "Lob des Dribbelns" erschienen - eine Hymne an den südamerikanischen Fußball.

Wer spontan einen der berühmtesten, legendärsten Fußballer Brasiliens nennen müsste, würde natürlich immer sofort Pelé nennen. Der französische Journalist und Schriftsteller Olivier Guez aber beginnt sein Buch "Lob des Dribbelns. Über den Mythos des südamerikanischen Fußballs", nach einer längeren Einleitung, mit einem anderen Brasilianer, der im Grunde vergessen ist, auch weil er schon 1983 im Alter von noch nicht einmal 50 Jahren verstarb: Garrincha.

"Was hat der Zauberer vor?", beschreibt ihn Guez. "Ein, zwei, drei Beinwechsel? Wie viele Finten und Frühstarts, bevor er, nach vorn gebeugt, als würde er etwas suchen, auf die Torlinie zurast? (...) Die Verteidiger purzeln auf den Rücken oder prallen ineinander. Lächerlich gemacht, gedemütigt."

Fußball in Südamerika: Mehr als eine Religion, wichtiger als die sonntägliche Beichte

Garrincha ist der Inbegriff des Dribblers, der Inbegriff des lustvollen, spielerischen, genialen brasilianischen Fußballs überhaupt. Da versteht es sich von selbst, dass Guez die Erinnerung an ihn am Leben erhält und als Prototyp nimmt für das, was man mit dem Fußball lateinamerikanischer Prägung bestenfalls assoziert, mit den Messis und Maradonas und all den anderen, die ihnen nacheifern.

Über Fußball zu schreiben bedeute, zitiert Guez den uruguayschen Schriftsteller Eduardo Galeano, "die Geschichte eines Landes und einer Stadt zu erzählen" und die populäre Kultur einer Nation zu ergründen. Genau das versucht Guez mit seinem Fußballbuch. Im Visier hat er dabei allein Brasilien und Argentinien, die erfolgreichsten Fußballnationen des Kontinents. Fußball ist in diesen beiden Ländern mehr als eine Religion, er ist um einiges wichtiger als die Beichte am Sonntag.

Natürlich dienen Guez die jeweiligen Fußballweltmeisterschaften insbesondere der Jahre 1958 (als Brasilien erstmals die WM gewann, es folgten vier weitere Titel) bis 1986 (als Argentinien das zweite und letzte Mal den Cup holte) als Leitfaden, gerade weil Brasilien zu dieser Zeit tatsächlich den schönsten Fußball der Welt spielte und es in Argentinien eben jenen Maradona gab.

Guez erzählt davon, wie der Fußball überhaupt auf den Kontinent kam

Doch hauptsächlich erzählt der geborene Elässser, wie der Fußball überhaupt auf den Kontinent kam, der Ende des 19. Jahrhunderts noch "unter der Fuchtel Großbritanniens" stand.

"Die brillanten Dribbler" seien alles Nachfahren von Sklaven; Brasilien, sei "eine der meistentwickelsten und beständigsten Sklavengesellschaft der modernen Welt" gewesen, zitiert Guez einen Historiker. Und in Argentinien, das Anfang der zehner und zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aus einer bunt gemischten Einwanderergesellschaft besteht, versucht man das maschinelle Spiel der Engländer hinter sich zu lassen und kreativer, leidenschaftlicher und fintenreicher zu spielen. Hier ist es der "malandro", dort "el pibe", populäre Figuren aus dem Volk mit zahl- und listenreichen, aber auch selbstdestruktiven Eigenschaften, die den Typus des neuen Fußballers südamerikanischer Prägung repräsentieren.

Von einem goldenen Zeitalter ist die Rede, und das ändert sich in Brasilien mit der Orientierung an dem zweckorientierten, nüchternen Fußball europäischer Prägung, in Argentinien wiederum an der Ablösung von Maradona durch Messi: der eine eine schillernde Figur auch neben dem Platz, was er vor kurzem wie Garrinch viel zu früh mit seinem Leben bezahlte; der andere schon auch genial, aber eine ansonsten blasse Figur und ein Spiegel nicht nur der Virtuosität, sondern auch der "Leere des globalisierten zeitgenössischen Fußballs."

Zwischen Fußballsoziologie, Landesgeschichte und atmosphärischem Zeitkolorit

Es macht Spaß, Guez Kapitel für Kapitel zu folgen, mit ihren immer wieder neuen Anläufen, dem Fußball auf den Grund zu kommen, all das changierend zwischen Fußballsoziologie, Landesgeschichte und atmosphärischem Zeitkolorit. #

Guez hat beide Länder vielfach bereist, zieht Gewährsleute wie den Anthropologen und Lévi-Strauss-Schüler Roberto da Matta oder auch den Literaturnobelpreisträger V.S. Naipual zu Rate, widmet dem argentinischen Schriftstellerphilosophen und Fußballhasser Jose Luis Borges ein Kapitel oder berichtet von seinem Treffen mit dem 86er-Endspiel-Kommentator Victor Hugo, der Maradona als "kosmischen Drachen" bezeichnete (und so lange "gooooooool" schreien konnte wie kein zweiter).

Und er berichtet auch von seinen Versuchen, den 78er-Weltmeistertrainer der Argentinier in dessen Stammcafé in Buenos Aires zu treffen, Carlos Menotti. Das aber blieben eben nur Versuche, Menotti schien keine rechte Lust zu haben. Und natürlich erzählt Guez in der Einleitung seines Buches auch, wie er zum Fußball kam und warum dieser ihn nicht mehr losließ, eine Erfahrung, die mit so vielen seiner Generation teilt, vom Panini-Sammelalben befüllen bis zur ersten Fußball-WM, die man nie vergisst.

Liebe zum Fußball

Der einzige Schönheitsfehler seines Buches: der erste Teil über Brasilien ist schon 2014 erschienen. Die WM dort und insbesondere das 1:7-Debakel der Brasilianer im Halbfinale gegen die Deutschen fehlen. Man kann davon ausgehen, dass das die Fußballseele dieses Landes noch einmal entscheidend verändert hat. Da wäre ein Update angebracht gewesen, so farbig und lehrreich und wunderbar der zweite und aktuelle Teil über Argentinien ist.

Trotzdem und trotz Guez’ ernüchternden Fazits am Schluss des Buches, da er die Inflation der Fußballspiele, das Immermehr, die immer größere Gier der Verantwortlichen noch kurz zu beklagen meint; ja, und auch trotz der Katar-Problematik und der Unentschiedenheit, sich auf diese Fußballweltmeisterschaft wirklich einzulassen: "Lob des Dribbelns" könnte ein Grund sein, sich nicht nur die Spiele der deutschen Mannschaft anzuschauen, sondern auch die der argentinischen und der brasilianischen Elf.

Die Liebe zum Fußball will man sich von einem Gianni Infantino nicht kaputt machen lassen.

Gerrit Bartels, rbbKultur

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