Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte © Penguin
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Dickens, Austen, Nietzsche und Conrad - "Penguin Edition": Vier neue Bände in der Klassiker-Reihe

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Es ist jedes Jahr dasselbe: Weihnachten steht vor der Tür - und es fehlen immer noch ein paar passende Geschenke für liebe Freunde und Verwandte. Bücher können bekanntlich nie schaden! Und Klassiker haben den großen Vorteil, dass sie ihre Bewährungsprobe längst bestanden haben. Nur welches Buch ist das Richtige? Versuchen Sie es doch mit den Klassikern der "Penguin-Edition". Dort sind jetzt vier Bücher neu aufgelegt worden, die zu den Meilensteinen der Weltliteratur zählen, und die man unbedingt gelesen haben sollte. Gern auch mehrmals.

Die "Penguin Edition" ist preiswert und bringt Farbe ins Bücherregal. Die Cover leuchten bunt, ein Augenschmaus und Appetitanreger für die großen Emotionen, großen Dramen und großen Abenteuer. Diesmal sind es die ganz großen Erzähler und Denker, die alles über die Abgründe der menschlichen Leidenschaft und Untiefen der Seele wissen.

Die ganz großen Erzähler und Denker

Charles Dickens mit seiner unsterblichen "Weihnachtsgeschichte", Jane Austen mit ihrem Funken sprühenden Roman über "Stolz und Vorurteil", Joseph Conrad reist mit uns ins "Herz der Finsternis" und Friedrich Nietzsche schickt eine literarisch-philosophische Flaschenpost, ein Buch, das immer wieder neu gedeutet werden muss: "Also sprach Zarathustra". "Ein Buch", wie Nietzsche im Untertitel sagt, "für Alle und Keinen".

Gespenstergeschichte mit glücklichem Ausgang von Dickens

Man kann mit Fug und Recht Charles Dickens als den Shakespeare des 19. Jahrhunderts bezeichnen. In seinen Werken thematisiert er gnadenlos den modernen Kapitalismus mit seinen erschütternden Begleiterscheinungen (Elendsquartiere, Kinderarbeit, Ausbeutung und Armut). Er schuf aufrüttelnde Literatur des sozialen Gewissens, erfand unvergessliche Charaktere (Oliver Twist, David Copperfield, Nicholas Nickleby, Edwin Drood, Uriah Heap).

In seiner "Weihnachtsgeschichte" hat er Sozialkritik auf versöhnliche Weise verhandelt, Geiz und Hartherzigkeit eines Geschäftsmannes und die Not der von ihm Anhängigen auf amüsante und märchenhafte Weise geschildert, sie als "Gespenstergeschichte" getarnt mit einem glücklichen Ausgang versehen.

Wir erleben, wie Geizhals Ebenezer Scrooge von "Gespenstern" mit den Visionen der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht konfrontiert und ihm ein einsamer, elender Tod vorausgesagt wird, wenn er nicht umkehrt und zu einem besseren Mensch wird: Da bleibt keine Auge trocken und kein Herz ungerührt.

Seelenwärme von Jane Austen

Und wen lässt Jane Austen kalt? Wer ist nicht gerührt und amüsiert von "Stolz und Vorurteil", diesem von Missverständnissen und Missdeutungen, sozialen Gegensätzen und gesellschaftlichen Verwerfungen geprägten Roman, der von einer sprachlichen Tiefe und gedankliche Schärfe ist, die bis heute unerreicht ist?

Es wird geredet und getanzt, man schreibt sich Briefe und geht spazieren, Ehen werden angebahnt und manchmal auch geschlossen: Eigentlich passiert fast gar nichts, nur Blicke und Worte werden getaucht, Bewegungen gedeutet, Zeichen interpretiert, die Psychologie der Figuren und die Dynamik kleinster Veränderungen sprachlich seziert und sozial verortet: Was die um Liebe und Glück ringenden Elisabeth und Darcy anstellen, ist psychologisch so raffiniert und sprachlich so vielschichtig und von einer zeitlosen Modernität, dass es einen immer wieder fasziniert und die Seele wärmt.

Eine Odyssee in eine dunkle, gefährliche Welt mit Joseph Conrad

Bei Joseph Conrad und seiner Expedition ins "Herz der Finsternis" braucht man starke Nerven, da gibt es keine Unterhaltung und keinen Humor. Der Autor nimmt uns mit auf eine Odyssee in eine Welt, die dunkel und gefährlich ist, die keinen Gott kennt und keine Zukunft hat.

Joseph Conrad, gebürtiger Pole mit dem Namen Konrad Korzeniowski, war kein Menschenfreund, sondern ein von den Furien der Heimatlosigkeit und Depression gehetzter Autor: Einst Seemann und Abenteurer mit kolonialer weißer Überheblichkeit hatte er "Die „Schattenlinie" zur dunklen Seite des Lebens überschritten und, nachdem er sich in England zum Schriftsteller verwandelte, sie qualvoll, grausam und voller Spannung beschrieben.

Marlow, sein Alter Ego, hat als Kapitän auf einem Flussdampfer im Kongo angeheuert und steuert immer tiefer in die Wildnis und ins "Herz der Finsternis", bis er schließlich auf den zwielichtigen Elfenbeinhändler Kurtz stößt, der im Urwald ein Reich der Unmoral und Gewalt aufgebaut hat. Die kulturellen Gewissheiten haben sich aufgelöst, der Kern menschlicher Existenz ist zusammengebrochen.

In post-kolonialen Zeiten ist manches kaum mehr erträglich. Aber als suggestives Bild einer westlichen Zivilisation, die auf sehr dünnem Eis wandelt und unversehens in die Barbarei kippen kann, ist es doch ein symbolisch verdichtetes Meisterwerk.

Nietzsche für Unerschrockene

Ein umstrittenes Meisterwerk ist auch Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra", ein Aufbruch ins Ungewisse und Ungesicherte, Philosophie und Poesie gehen Hand in Hand, Gut und Böse streiten unentwegt miteinander, und es liegt an jedem Einzelnen, sich zu entscheiden, wo er ersteht und wie er leben will.

Auch Zarathustra und seine Schüler glauben, Gott ist tot, lebendig ist nur die Natur, die immer wieder neu entsteht und doch immer gleich ist. Der Sinn des Lebens kann nur auf Erden gefunden werden, er besteht darin, sich weiter zu vervollkommnen, nach Höherem zu streben, zum "Übermenschen" zu werden: Ein oft missverstandener Begriff.

Und ein Buch, das wie ein Donner durch die Geistesgeschichte hallt, ein Buch gegen Vorurteile und Dogmen, eine Aufforderung zur Selbsterziehung des Menschen. "Ein Buch für Alle und Keinen", pathetisch, poetisch, oft missverstanden. Ein Muss für unerschrockene Leser.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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