Annie Ernaux: Der junge Mann © Suhrkamp
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Roman - Annie Ernaux: "Der junge Mann"

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Sie ist die erste französische Schriftstellerin, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde: Annie Ernaux. Am 7. Dezember hat sie ihn in Stockholm entgegengenommen. Bei uns lief zuletzt ihr Film "Die Super-8-Jahre" in den Kinos - eine sehr persönliche Erinnerung an das Leben einer französischen Mittelklassefamilie in den 1970er Jahren. Und nun erscheint ihr aktuelles Buch "Der junge Mann" auf Deutsch. Darin erzählt Annie Ernaux von einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung.

Wer schreibt, braucht eine Muse. Alles, was sich ereignet, wird zum Stoff, zum Gegenstand. Und manchmal ist es auch, wie im Falle von Annie Ernaux, der Sex, der "mich zum Schreiben zwingt". Ein Gefühl der Befreiung stellt sich bei ihr ein, weil auf einen Orgasmus zuverlässig "die Gewissheit folgt, dass es nichts Lustvolleres gibt als zu schreiben."

Es liegt also auch ein Moment der Enttäuschung im sexuellen Erleben, weil es nicht so hohe Lust erzeugen kann, wie das Schreiben. Sexualität wird damit zu einem Mittel zum Zweck. Dazu passt Ernauxs Bekenntnis, in ihrem Leben viel Sex mit verschiedenen Männern gehabt zu haben, die aber in ihrer Erinnerung "ununterscheidbar" geworden sind. Es ging ihr demnach weniger um die anderen als ums eigene Empfinden.

Ein Verhältnis, das Ernaux ihrem Alter und ihrer Generation "entriss"

Der "junge Mann", der keinen Namen, sondern nur das Kürzel "A." erhält, hatte aber doch etwas Besonderes, Unverwechselbares. Für diese Eigenschaft kann er allerdings nichts. Er war, als Annie Ernaux ihm 1994 begegnete, 30 Jahre jünger als die damals 54-Jährige, ein Student aus ärmlichen Verhältnissen, bei dem die doch selbst dem Proletariat entstammende Annie Ernaux sich plötzlich als "Bildungsbürgerin" erleben durfte.

A. hatte ihrem Bekenntnis zufolge nicht nur die Funktion, sie mit seiner Leidenschaft und seinem Begehren zu beglücken. Das mehrere Jahre andauernde Verhältnis "entriss" sie darüber hinaus ihrem Alter und ihrer Generation, allerdings ohne dass es ihr hätte gelingen können, zu der seinen zu gehören. Was für ihn neu und unerhört ist, erlebt sie als Wiederholung und Erinnerung an Früheres. Und doch ist die unüberbrückbare zeitliche Differenz der wahre Grund der Attraktion. Sie "hatte etwas Zartes, sie machte die Gegenwart intensiver."

Ein etwas abgehangener Skandal

Annie Ernaux schrieb diesen kleinen auto-reflexiven Essay in den Jahren 1998 bis 2000. Publiziert wurde er in Frankreich im vergangenen Jahr, und auch hier kommt er nun im Suhrkamp Verlag mit dem Brustton des Tabubruchs und des Skandals auf den Markt. Dazu musste der kurze Text allerdings in großzügigem Druck auf 40 Seiten hochgepumpt werden, um zumindest ein schmales Büchlein daraus werden zu lassen.

Der versprochene Skandal ist – zumal in einem Land, dessen Präsident 25 Jahre jünger ist als seine Ehefrau – schon ein bisschen abgehangen, auch wenn Ernaux darüber schreibt, wie skandalös ihr Verhältnis in den 90er Jahren empfunden wurde: "A. machte mich darauf aufmerksam, dass wir anstößiger waren als ein homosexuelles Paar."

Ernaux schreibt über die missbilligenden Blicke im Restaurant oder am Strand, die Flirtversuche der jüngeren Frauen, die die ältere gar nicht erst wahrnehmen, nicht zuletzt aber auch über die eigene Empfindung, mit ihm zusammen zu sein, "um nicht das Gesicht eines Mannes in meinem Alter vor mir zu haben".

Die Altersdifferenz deckt die Zeitlichkeit schonungslos auf, bis hin zu dem Satz: "Ohnehin war er, allein durch seine Existenz, mein Tod."

Sich gegen die Gesellschaft und gegen die Vergänglichkeit zu behaupten, ist auch ein Akt der Emanzipation. Ernaux erlebt das wie einen Rausch; die Überwindung der Scham gibt ihr ein Gefühl der Befreiung.

Der junge Mann - ein Mittel zum Zweck

Vor allem aber war der junge Mann – wie alle Männer für Annie Ernaux – ein Mittel zum Zweck. Es geht nicht um ihn, sondern immer nur um sie selbst und ihr Empfinden. Abgesehen davon, dass er ein schlechtes Benehmen hatte und bloß eine Matratze in einem eiskalten Zimmer besaß, erfährt man über ihn nicht viel. Wichtiger ist, dass sich gegenüber seiner Wohnung das Krankenhaus befand, in dem Ernaux 1963 eine Abtreibung hatte. Dieser Zufall brachte sie dazu, über dieses Erlebnis zu schreiben. Je weiter sie damit vorankam, umso unwichtiger wurde A., bis dann mit der Fertigstellung des Buches, das unter dem Titel "Das Ereignis" zu einem ihrer wichtigsten werden wird, auch die Trennung vollzogen ist.

Allenfalls eine Fußnote im Werk der Autorin

Der junge Mann hat seine Schuldigkeit getan. Dass hier also nicht wie üblich eine Frau zur Muse eines Mannes wird, sondern umgekehrt der junge Mann als Muse der älteren Frau dient, mag emanzipationshistorisch bemerkenswert sein. Das Büchlein über diese Episode ist jedoch allenfalls eine Fußnote im Werk von Annie Ernaux.

Jörg Magenau, rbbKultur

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