Galia Ackerman, Stéphane Courtois: Schwarzbuch Putin © Piper
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Sachbuch - Galia Ackerman u. Stéphane Courtois (Hg.): "Schwarzbuch Putin"

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Wer ist Wladimir Putin? Warum hat er mehrere Kriege entfacht? Warum ist er so besessen von der Eroberung der Ukraine? Spätestens seit Russland die Ukraine überfallen hat, stellen sich viele solche Fragen. Das Schwarzbuch Putin verspricht Antworten darauf. Herausgeber sind die Historikerin Galia Ackerman und Stéphane Courtois. Courtois hat schon das "Schwarzbuch Kommunismus" herausgegeben.

Putins Verhalten verlangt Erklärungen. Wie kommt er darauf, die Ukraine "entnazifizieren" zu müssen? Wie kann man verstehen, warum er in seinen öffentlichen Äußerungen Gossen- und Gaunersprache verwendet und zum Beispiel auf die Ukraine bezogen gesagt hat "ob du willst oder nicht, meine Schöne, du musst"?

Noch ein Buch über Putin?

Putin ist ein Herrscher, der die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur erschüttert. Für ihn sind grundsätzlich andere Kategorien wichtig als für viele andere Staatsführer. Das Schwarzbuch erklärt, welche Kategorien das sind, nämlich die Methoden des KGB, mafiöse Strukturen und Korruption.

Internationale Perspektiven

Die Herausgeber des Buches und viele Autoren, die daran mitgewirkt haben, arbeiten in Frankreich. Dieser Blickwinkel wird an einigen Stellen deutlich, führt aber nicht zu einem Diskurs, der nur für eine französische Leserschaft interessant wäre. Im Gegenteil. Gerade bei Fragen, wie etwa Putin und die Führungsspitze Russlands im Wesen vernetzt sind, erweitert es das Blickfeld. Es geht nicht nur um Gerhard Schröder – auch wenn die Ostseepipelines eine Rolle spielen, sondern auch um französische oder britische Akteure.

In der Analyse von Putins Denken und Handeln ist es erfrischend, Aufsätze von Osteuropa-Experten zu lesen, die im deutschen Diskurs keine so große Rolle spielen. Zum Beispiel Antoine Arjakowski, ein französischer Historiker ukrainischer Herkunft. Er schreibt über die Bedeutung der Orthodoxie für Putin. Oder Tornike Gordadze, der in Paris forscht und unter anderem das Georgische Institut für strategische Studien mitbegründet hat. Er beschäftigt sich mit dem russisch-georgischen Krieg von 2008.

Beiträge deutscher Autoren

Für das Schwarzbuch hat sich zum Beispiel die Journalistin Katja Gloger mit der Frage befasst, wie es um die deutsche Russlandpolitik steht. Sie spricht von einem Epochenbruch. Der Historiker Karl Schlögel schreibt über "Putinismus als Stil". Er überlegt, wie man Putin und sein Herrschaftssystem durch verschiedene Prismen betrachten kann: mit Theorien von Autoritarismus oder Faschismus, mit Strukturen von Mafia und Kleptokratie. Schlögel schreibt vom "postmodernen elastischen Eklektizismus des Putin-Regimes".

Er kommt in seinem Beitrag zu anderen Schlüssen als Claus Leggewie, Professor in Gießen, der im Schwarzbuch der Frage nachgeht, welche Elemente von Faschismus bei Putin zu beobachten sind.

Mehr als eine Chronologie der Kriege

Das Schwarzbuch widmet sich ausführlich den Kriegen in Putins Regierungszeit, also in Tschetschenien, Georgien und der Ukraine. Es geht dabei um die Analyse der politischen Methoden und Mechanismen, die Putin anwendet, um seine außenpolitischen Ziele erreichen zu wollen, es geht um den "Export von Angst", wie es in dem Buch heißt. Diese Analyse widmet sich ausführlich den ideengeschichtlichen Grundlagen, auf die sich Putin beruft. Sie geht unter anderem der Frage nach, welche Vorstellungen vom russischen Imperium Putin leiten. Wie verbindet er Elemente der sowjetischen und der zaristischen Vergangenheit Russlands? Wie funktioniert die "Flucht nach vorn in die Vergangenheit", wie ein Aufsatz heißt?

Diese Beiträge sind gerade für Leser ertragreich, die Russland vielleicht nicht so gut kennen oder kein Russisch verstehen. Denn hier wird deutlich, was im russischen politischen Diskurs generell anders läuft, als man es von staatstragender Diplomatie erwarten würde. Wenn Putin oder sein Außenminister Sergej Lawrow zur Erklärung dessen, was sie tun, öffentlich Gangster- und Mafia-Slang verwenden oder auf den Ehrenkodex der Unterwelt verweisen, dann macht das klar, warum ein "Dialog mit Russland" so leicht scheitern kann.

Eine Anklageschrift

Der Aufbau des Buches, einerseits orientiert an Putins Biografie, anderseits am Gang der politischen Ereignisse, macht die Gedankenführung des Buches trotz des Umfangs von gut 500 Seiten gut nachvollziehbar. Die einzelnen Texte stehen für sich, so dass die Leser einzelne Facetten herausgreifen können, ohne das Buch sofort komplett lesen zu müssen. Im Zusammenspiel ergibt sich ein analytisches Mosaik, das sich wie eine Anklageschrift liest. Eine gute Grundlage, um Putin zu verstehen. Wer allerdings völlig neue Erkenntnisse erwartet oder sich bereits intensiv mit Putin und Russland beschäftigt hat, wird möglicherweise enttäuscht, denn natürlich gibt es bereits zahlreiche Analysen über die einzelnen Aspekte, die das Buch behandelt.

Jürgen Buch, rbbKultur

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