Orhan Pamuk: Erinnerung an ferne Berge © Hanser Verlag
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Skizzenbuch - Orhan Pamuk: "Erinnerungen an ferne Berge"

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Es gibt Bücher, die man nicht besprechen kann. Man muss sie sehen. Orhan Pamuks "Erinnerungen an ferne Berge" gehört dazu.

Tagebuch, Notizbuch, Skizzen- und Malheft in einem besteht dieses Buch Seite für Seite aus Text und Bild. Der Text ist handschriftlich, mehrfarbig, verwendet Groß- und Kleinbuchstaben und ist selbst schon fast Bild. Die Bilder sind farbenfroh und zeigen zumeist Landschaften: Berge und Täler, Stadtpanoramen oder Ausblicke aufs Meer mit Schiffen und fernen Inseln. "An allem Anfang steht die Landschaft", notiert Pamuk.

Ob in seiner Heimatstadt Istanbul oder im indischen Goa, wo er mehrere Sommer verbrachte, geht Pamuks Blick vom Schreibtisch aus über das nahe Meer. Die Schiffe, die vor seinen Augen vorbeiziehen, zeigen das Verstreichen der Zeit und zugleich das Unvergängliche an. Er zähle die Schiffe auf dem Bosporus, notiert Pamuk, um sich "zu vergewissern, dass die Welt an Ort und Stelle ist." Auch die Berge dienen dieser Selbstvergewisserung. Sie sind wie die Erinnerungen, die sich beim Schreiben und Zeichnen unwillkürlich einstellen. Pamuk formuliert das so: "Das Malen beginnt damit, dass man sieht, woran man sich nicht mehr erinnert. Nach einer Weile beginnt die Landschaft die Zeit zu zeigen."

Oft ist der Text Jahre nach einem Bild entstanden oder umgekehrt

Orhan Pamuk, türkischer Nobelpreisträger des Jahres 2006, ist als großer, epischer Erzähler bekannt, der sich vor allem mit dem Neben-, Mit-, und Gegeneinander der westlichen und der orientalischen Kultur beschäftigt, wie es auch in seinen Romanen zur Stadtgeschichte Istanbuls deutlich wird. Weniger bekannt ist, dass er von seinem siebten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr Maler werden wollte, dann aber den Maler in sich "tötete", um mit dem Romanschreiben zu beginnen. 2008 aber meldete sich dieser Maler zurück. Pamuk kaufte Buntstifte, Pinsel und Hefte und hat seither nicht mehr aufgehört, Tag für Tag in diesen Heften zu schreiben und zu malen, wobei es ihm dabei immer um die Verbindung beider Tätigkeiten geht. Die Bilder sind selten bloß Illustrationen zu den Notizen, das Aufgeschriebene nicht unbedingt abbildbar. Oft ist der Text Jahre nach einem Bild entstanden oder umgekehrt, einfach deshalb, weil Pamuk beim Durchblättern seiner Hefte eine freie Stelle fand.

Das Malen entsteht aus einem Gefühl oder stellt Gefühle her

Die Notizen halten Tageseindrücke oder Reiseerlebnisse fest, berichten vom Fortgang der Arbeit an den Romanen "Diese Fremdheit in mir" und "Die Nächte der Pest", wobei Pamuk als manischer Arbeiter erkennbar wird, der in seinen Schaffensphasen auch in den Nächten schreibt und nur wenige Stunden schläft, der aber auch eine gewisse Selbstgefälligkeit gegenüber seinen Büchern nicht verbergen kann. Die Bilder geben ebenfalls Ansichten vom Tage wieder, beziehen sich aber auch auf Träume und auf Erinnerungen. Im Unterschied zum Schreiben geschieht das Zeichnen wir von selbst. Den Wunsch zu malen, vergleicht Pamuk mit dem Geschlechtstrieb. "Während ich noch meine, ich hätte nichts dergleichen vor, steigt er plötzlich in mir auf, und ich greife augenblicklich zu Pinsel und Farben." Das Malen entsteht aus einem Gefühl oder stellt Gefühle her, die von den Farben hervorgerufen werden.

Vorbild William Blake

Auf der Suche nach der Verschmelzung von Bild und Wort kommt Pamuk immer wieder auf sein großes Vorbild, den romantischen Dichter und Maler William Blake zu sprechen, dem er auch in der bunten, poparthaften Naivität der Darstellungen folgt und mit dem er sich erklärtermaßen identifiziert. "Einst waren die Worte und die Bilder eins", notiert er dazu und lässt die Schrift den Kurven der Bergkette am Horizont folgen. Die Worte markieren die Dinge, die erst als Benannte zu dem werden, was sie sind. Das Malen aber ereignet sich vor aller Bezeichnung, unwillkürlich und unmittelbar. Auf diesen Moment kommt es Pamuk an, darin liegt die Keimzelle der Kreativität.

Ein ganz besonderes Bild-Text-Buch

Die vorliegende Ausgabe bringt eine Auswahl aus all den bisher vollgeschriebenen und gezeichneten Heften. Die faksimilierten Seiten sind nicht chronologisch, sondern eher thematisch geordnet, doch im Grunde kann man das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und zu schmökern und zu sehen beginnen. Die recht kleinen Notizbuchseiten sind in Originalgröße abgedruckt, doch auf den Buchseiten ist außen herum so viel Platz, dass Gerhard Meiers deutsche Übersetzung ringsum angeordnet werden kann. So sind die Notizheftseiten in diesem Buch aufgehoben und geborgen, die Handschrift wird umrahmt vom gedruckten Text der Übersetzungen. Damit wird aus diesen einzigartigen Notizheften ein ganz besonderes Bild-Text-Buch, das zu Entdeckungen einlädt und Orhan Pamuk in seiner Denk- und Sehweise sichtbar werden lässt.

Jörg Magenau, rbbKultur

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