Arnold Jacobshagen: Maria Callas. Kunst und Mythos © Reclam
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Zum 100. Geburtstag der Sopranistinnen-Legende - Arnold Jacobshagen: "Maria Callas. Kunst und Mythos"

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Sie war eine der großen Sängerinnenlegenden des 20. Jahrhunderts, wenn nicht die größte: Maria Callas. Die Sopranistin wurde für ihre Maßstäbe setzenden Interpretationen großer Opernpartien gefeiert, stand aber auch immer wieder im Rampenlicht etwa wegen ihrer Absagen oder ihrer Beziehung zu den Reeder Onassis.

Anlässlich ihres 100. Geburtstags am 2. Dezember 2023 hat der Musikwissenschaftler Arnold Jacobshagen jetzt eine neue Biografie über Maria Callas herausgebracht mit dem Untertitel "Kunst und Mythos".

Noch eine weitere Biografie nach unzähligen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte? Ja, das ist sinnvoll und notwendig. Zum einen braucht es einen aktuellen Quellen- und Forschungsstand. Und zum anderen gab es zuletzt teilweise eher fragwürde Publikationen.

Leben – Kunst – Mythos

Arnold Jacobshagen teilt seine Darstellung in drei große Blöcke. Da gibt es zunächst einen Lebensabriss, also ein eher klassisch-biografischer Überblick, dann aber zwei weitere Fokussierungen, die eine hohe Systematik in das Buch bringen.

Da nähert sich der Autor der Stimme von Maria Callas in Sachen Klang oder Interpretation. Das gab es natürlich auch schon vorher, aber hier wird es sehr zentral analysiert. Und schließlich der Mythos, also das, was unter "Klatsch und Tratsch" fällt, aber auch die Frage, wie warum und von wem was über die Sängerin in der Vergangenheit geschrieben worden ist.

Nüchtern und analytisch

Der Autor geht mit wohltuender Nüchternheit an seine Darstellung. Überflüssige Ausschmückungen fehlen ebenso wie romantisierende Beschreibungen. Auf wohltuend sachliche Weise lässt er Fakten sprechen – etwa, wenn es um die Autoimmunerkrankung der Sängerin geht, die vor gut zehn Jahren von zwei Medizinern und Phoniatern "als die wahrscheinlichste Ursache für den allmählichen Niedergang ihrer Gesangsstimme identifiziert wurde".

Ebenso überzeugend gelingt die Annäherung an die Stimme von Maria Callas selbst, die eigentlich dem Mezzosopran zuzuordnen wäre, eben mit einmalig besonders ausgeprägter Höhe, die sie auch für alle Sopranpartien prädestinierte. Oder die Tatsache, dass ihre Stimmregister nicht bruchlos ineinander übergingen – was sie durch einen extrem kontrastreichen Ausdruck kompensierte.

Eine Wohltat

Auch in Sachen Klatsch und Tratsch unterdrückt der Autor nichts, aber auch hier basieren seine Analysen streng auf den vorhandenen Fakten und Dokumenten, etwa in der Gewichtung ihres Verhältnisses zu dem Reeder Onassis im Vergleich zur Ehe mit ihrem Gatten und Manager Meneghini: "Vieles spricht dafür, dass die Bedeutung der Begegnung mit Onassis in der Literatur eklatant überbewertet wurde."

Kurz: Ein Buch für alle, die sich für Maria Callas interessieren – Fans und Experten werden auf den neuesten Stand gebracht, und alle anderen bekommen den Unsinn, der in den vergangenen Jahrzehnten teilweise über die Sängerin geschrieben wurde, auf kompakte Weise richtiggestellt. Dieses Buch ist eine absolute Wohltat.

Andreas Göbel, rbbKultur

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