Natascha Wodin: Der Fluss und das Meer © Rowohlt
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Erzählungen - Natascha Wodin: "Der Fluss und das Meer"

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Die Bücher von Natascha Wodin sind allesamt autobiografisch motiviert. Stück für Stück und in immer neuen Variationen setzen sie ein Leben ins Bild, das von den Abgründen und der Gewalt des 20. Jahrhunderts bestimmt worden ist. Ihr mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneter Erfolgsroman "Sie kam aus Mariupol" handelte vom Schicksal der Mutter, die während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde und sich dort – da war die Tochter gerade zehn Jahre alt – das Leben nahm.

Mit diesem Trauma und Erinnerungen an die frühe Kindheit in einem Lager für Displaced Persons setzt auch der neue Erzählungsband ein. Die Titelgeschichte "Der Fluss und das Meer" schlägt einen Bogen vom kleinen Fluss Regnitz in Forchheim, in dem sich die Mutter 1955 ertränkte, zum Asowschen Meer ihrer Heimatstadt Mariupol, in dem sie wohl niemals gebadet hat, weil die Zeiten nicht danach waren. Dreimal wurde Mariupol zerstört. Zuerst durch Revolution und Bürgerkrieg, dann durch die deutsche Wehrmacht und schließlich, so formuliert Wodin, "durch die Bomben eines wahnsinnigen russischen Hegemons", was sie als dritten Mordversuch an der Mutter deutet.

Schreiben als Ausweg und Zugang zur Welt

In Natascha Wodins eigener Lebensgeschichte setzen sich all die Schrecknisse, denen die Mutter ausgesetzt war, nahezu bruchlos fort. Im letzten – und neben der Titelgeschichte einzig neuen – Text des Bandes berichtet sie von der Agoraphobie, die sie eines Tages scheinbar grundlos überfiel. Diese Angst, die sich in ihr einnistete, führte dazu, dass sie über Jahrzehnte hinweg kaum noch in der Lage war, ihre jeweilige Wohnung zu verlassen. Selbst das Einkaufen wurde zum unbewältigbaren Problem. Es ist schwer, diese namenlose Angst, die sich mit Schuldgefühlen mischte, nicht als etwas zu verstehen, das aus dem Schicksal der Eltern und der eigenen Kindheit am Rand der Gesellschaft hervorging.

Allein das Schreiben bot in dieser Lebenslage einen Ausweg und einen Zugang zur Welt. "Ich lebte wie eine Gefangene in jeder meiner Wohnungen", erklärte Wodin in einem Interview, "immer auf den nächsten Einschlag der Angst gefasst. Das Leben ging an mir vorbei, ich saß immer nur am Schreibtisch und suchte nach Worten für das, was mir widerfuhr. Ich habe diese Worte nie gefunden. So sind meine Bücher entstanden – auf der Suche nach den Worten für die Angst, den Worten für ein Buch, mein eigentliches Buch, das ich nicht schreiben konnte."

Keine Happy Ends

Vermutlich ist auch diese Geschichte, in der sie nun – mit dem Abstand einiger Jahre – von ihrer Angst erzählt, nicht das "eigentliche Buch", aber doch eine kleine Etappe auf dem Weg dorthin. Eingebettet darin ist Geschichte der vergeblichen Liebe zu einem Psychotherapeuten, den die Erzählerin drei Jahre lang aufsuchte, ohne ihm je gestehen zu können, wie sehr sie ihn in einer geradezu klassischen Übertragungsreaktion zu lieben meinte. Die Therapie und mit ihr diese Geschichte endete mit dem Selbstmord der Frau des Therapeuten, die sich ausgerechnet im Patientensessel erschoss.

Vermutlich ist die vergebliche Liebe die Kehrseite der Angst. Die bereits 2011 in der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlichte Erzählung "Notturno" handelt davon. Da erzählt Wodin von einer seltsamen Briefbekanntschaft mit einem Mann, der nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie landete und nicht wieder herauskommt. Mit ihm korrespondiert sie vor allem über Musik, schreibt sich in eine Liebesphantasie hinein und träumt von einem gemeinsamen Leben.

Dem Trauma etwas entgegensetzen

Es ist klar, dass die Geschichte anders endet. Ein Happy End passt nicht in die Bücher von Natascha Wodin. Bei aller biografischen Grundierung schreibt sie sich aber so sehr in einen literarischen Freiraum hinein, dass sie, wie Wodin immer wieder betont hat, schließlich selbst nicht mehr genau weiß, was wirklich war und was erfunden ist. Ihre Literatur ist kräftig genug, eigene Wirklichkeiten zu entwerfen und dem traumatischen Erlebten damit etwas Neues, Eigenes entgegenzusetzen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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