Dilek Güngör: A wie Ada © Verbrecher Verlag
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Roman - Dilek Güngör: "A wie Ada"

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Die Autorin und Journalistin Dilek Güngör wurde mit ihren humorvollen deutsch-türkischen Alltagskolumnen in der Berliner Zeitung bekannt. Seitdem hat sie mehrere Romane veröffentlicht u.a. "Mein Name ist Özlem“ und "Vater und ich", der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Heute erscheint Güngörs neuester Roman im Verbrecher Verlag, "A wie Ada".

Einkaufsbeutel voller Erinnerungen

„A wie Ada“ klingt wie ein Lexikoneintrag, wie etwas Kurzes, Knappes, Erklärendes, nach dessen Lektüre klar sein müsste, wer oder was Ada ist.

Dilek Güngör erklärt schon zu Anfang ihr Vorhaben im Kapitel mit dem schönen Titel "Kaffee und Schinken“: Die Figur der Ada – die leicht mit Güngör assoziiert werden könnte – möchte sich selbst verstehen lernen und vergleicht sich mit einem vollen Beutel: "Ist es nicht Zeit, den Beutel mal auszuleeren? Dieses Päckchen, das Ada zu tragen hat, auszuwickeln, und alles, was darin ist, auf dem Küchentisch auszukippen? Eine Überraschung ist nicht dabei, dieses Päckchen ist ja nicht Vaters Einkaufsbeutel, den er vom Wochenmarkt mitbringt oder von Lidl. Wo er Pudding gekauft hat oder eine Fernsehzeitschrift oder Erdbeeren. Oder etwas viel Besseres.

In Adas Beutel ist die Kindheit und die Jugend und das Jetzt und bald ist darin auch das Alter. Das könnte man sich mal ansehen, abstauben und aufs Fensterbrett stellen. Auf die Kommode, wenn sie denn eine hätte.“

Was Güngör aus dem Einkaufsbeutel holt, sind Erinnerungen an Adas Kindheit als Tochter türkischer Einwanderer im ländlichen Süddeutschland, Anekdoten aus der Studienzeit, in der Ada versucht Professoren und Kommilitonen zu beeindrucken, kleine Erzählungen von ihrem Leben als erwachsene Frau mit Kindern, die Erwartungen an sie stellen, die sie überfordern. Und immer wieder die Sehnsucht nach Freundschaft.

Glasklare Aphorismen und Anekdoten

Kein Wort ist überflüssig, jeder Satz scheint perfekt komponiert, zugleich präzise und poetisch, eine Mischung, die überraschend schöne Effekte erzielt: "Die Freundin muss Ada nichts erklären. Die Freundin weiß, was Ada braucht. Sie muss nur an ihren Schrank, darin liegen die Worte, die sie für Ada bereithält. Schöne Worte, kluge Worte, süß und klar, wahr und gut. Die Freundin wärmt die Worte in der Hand an, legt sie sich dann in den Mund und spricht sie aus. Sie haben die richtige Temperatur und die richtige Größe, sie sind nicht zu laut, sie passen genau in Adas Ohr und in ihr Herz.“

So warme Worte sie für manche Erinnerungen findet, so kann sie auch mit wenigen vernichtenden Worten bittere Anekdoten aus ihrer Schulzeit erzählen, Erinnerungen, die wie ein glasklar formulierter Aphorismus klingen: "Kinder lernen gut, wenn man ihnen etwas zutraut. Sie lernen noch besser, wenn man ihnen nichts zutraut und über ihre Fehler lacht. Dann lernen sie fürs Leben.“

Treffsicherer Humor

Dieser treffsichere Humor findet sich in fast jedem der kurzen Kapitel, die anekdotenhaft ganz nebenbei gesellschaftliche und private Dramen erzählen:

"Eine andere Mutter sagt, dein Vater sieht nicht aus wie ein Türke. Sie kann Ada nicht sagen, wie der Vater aussieht. Er sieht nicht aus wie ein Deutscher, er sieht nicht aus wie ein Türke. Ist der Vater Inder?, fragt jemand. Ada könnte antworten, ja, er ist Inder. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater ist Inder. Ich bin die einzige Türkin in der Familie.“

Das Türkischsein der Eltern und die Zerrissenheit der Tochter sind die großen Themen des Romans und des ganzen Werks Dilek Güngörs. Ada versucht zeitweise, so zu tun, als verstehe sie kein Türkisch, um sich von ihren Eltern abzugrenzen, beneidet die Freundinnen um ihre deutschen Eltern, die nicht im Schichtdienst arbeiten, die Wanderurlaub machen und ihren Kindern scheinbar einen selbstverständlichen Halt in der Gesellschaft geben: "Was Vater und Mutter wissen, nützt Ada nichts. Ihr Wissen ist Wissen für ein anderes Leben, es reicht gerade so für die Abende zuhause, die Wochenenden, die Ferien. Mutter und Vater wissen, wann Ada müde wird, sie wissen, wann Ada Hunger hat, aber sie wissen die einfachsten Dinge nicht. Ada muss die Psychotests im Mädchen-Heft ausfüllen und in der Bravo Girl, wenn sie wissen will, wer sie ist.“

Universelle Gefühle in wunderbaren Sätzen

Doch scheint immer wieder die Erkenntnis durch: Ada fühlt sich nicht nur fremd, weil ihre Eltern aus einem anderen Land stammen. Sie fühlt sich fremd im Zusammenspiel mit allen Menschen, hat das Gefühl, nie zu genügen. Sie versucht eine Maske aufzusetzen, um anderen zu gefallen, in der Hoffnung, geliebt zu werden. Das ist universell menschlich und zeitlos. Und in so wunderbaren Sätzen verewigt, dass es ein großes Glück ist, dass Dilek Güngör all diese Erinnerungen und Anekdoten aus dem Einkaufsbeutel geholt und aufs Fensterbrett gestellt hat.

Irène Bluche, rbbKultur

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