Beatrice Davies und Patrick Spät: Der König der Vagabunden © Avant Verlag
Bild: Avant Verlag

Comic - Beatrice Davies und Patrick Spät: "Der König der Vagabunden"

Bewertung:

Nach dem Motto "Organisiert Euch" kämpfte Gregor Gog in den 1920er Jahren gegen Ausbeutung und Rassismus und gründete in Berlin die erste Straßenzeitung Deutschlands. Mit ihrem Comic "Der König der Vagabunden" zeigen Patrick Spät und Bea Davis, dass die Ideen von Gregor Gog auch heute noch aktuell sind.

Es ist ein großes Verdienst dieses Comics, dass dieses Leben erzählt und öffentlich gemacht wird. Wenn man den Namen Gregor Gog beim Internetbuchhändler eingibt, dann erhält man genau zwei Suchergebnisse. Das eine ist der Comic und das andere ist ein antiquarischer Gedichtband, der 1929 im Verlag der Vagabunden erschienen ist.

Und mit diesem Gedichtband sind wir schon mitten im Leben von Gregor Gog, denn der hat diesen Verlag der Vagabunden mitbegründet und die erste Straßenzeitung Deutschlands herausgegeben. Mit dieser Straßenzeitung wollte Gog die Hundertausende von Obdachlosen organisieren, die Opfer der Weltwirtschaftskrise waren – und die verfolgt wurden, weil sie als arbeitsscheues Gesindel galten. Die Zahl der Obdachlosen stieg damals – ähnlich wie heute – rasant, und auch damals wurde den Armen selbst die Verantwortung für ihre Misere gegeben.

Beatrice Davies und Patrick Spät: Der König der Vagabunden © Avant Verlag
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Gregor Gog wollte aber nicht nur die Rechte der Obdachlosen stärken, sondern auch ihr künstlerisches Potential zeigen. Er hat Kunstausstellungen von Obdachlosen organisiert, Gedichtbände herausgegeben, und einer seiner engsten Freunde, Hans Tombrock, hat später in der Bundesrepublik als Maler gearbeitet.

Gog selbst gehörte zu jenen Obdachlosen, die freiwillig zu Vagabunden geworden waren – weil sie die Gesellschaft als so ungerecht empfanden, dass sie da nicht mitmachen wollten. Im Comic wird erzählt, wie Gog die Bigotterie der Kirche empört hat, die Nächstenliebe predigte und von den eigenen Pfründen nichts abgab. Den Ersten Weltkrieg hat er verabscheut, weil so viele Menschen als Kanonenfutter verheizt wurden. Er war auf einem Schiff der Marine stationiert, wo er vor dem Krieg aus Abenteuerlust angeheuert hatte.

Bei der Marine lernt er dann die Freunde kennen, mit denen er durch Deutschland tingelt und die Idee von einer freien und diversen Gesellschaft weiter trägt: Frauen galten in dieser Gesellschaft so viel wie Männer, Homosexuelle waren genauso willkommen wir Menschen aus andern Ländern. All das war Avantgarde, damals, oder auch revolutionär – diese freiwilligen Vagabunden begeisterten sich für anarchistische Ideen und hatten mit sämtlichen Querdenkern dieser Zeit Kontakt – von Johannes R. Becher, dem späteren Verfasser der DDR-Nationalhymne bis hin zu Erich Mühsam, dem Dichter und bürgerlichen Revoluzzer.

Großartig, aber ...

Es gibt ein ganz hübsches Bild im Comic, wie Gog mit Mühsam und anderen Männern und Frauen nackt im Fluss badet und damit zum Bürgerschreck wird. Damals wohnten die beiden zusammen in einer Lebensreform-Kommune in der Schwäbischen Alb. Dieser Comic erzählt ungeheuer spannend an der Biografie von Gregor Gog, wie all die Ideen und Menschen der Avantgarde zusammen hängen. Und wie sehr die Biografie von Gog mit der Geschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts verbunden ist. Denn Gog hat auch das Elend der Weltwirtschaftskrise am eigenen Leib zu spüren bekommen. Und als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde er wegen seiner Ideen verfolgt und ins KZ verschleppt. Die Geschichte endet mit der Flucht aus dem KZ und aus Deutschland. Und das ist das einzig ärgerliche an diesem großartigen Comic:

Gog ist nach Moskau geflohen. Als er im Zweiten Weltkrieg von dort fliehen musste, landete er schwer krank im Arbeitslager und ist da gestorben – weil die Kommunistische Internationale, mit der er gegen Hitler gekämpft hatte, sich trotz seiner Bitten nicht für ihn eingesetzt hat. Das kann man leider nur im Anhang nachlesen.

Beatrice Davies und Patrick Spät: Der König der Vagabunden © Avant Verlag
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Die erste Biografie über Gregor Gog

Der Comic schafft es auf wunderbare Weise, das Leben dieses ungeheuer umtriebigen Gregor Gog lebendig werden zu lassen. Das gelingt vor allem durch die sehr expressiven schwarz-weiß Zeichnungen von Bea Davies, die mitunter an die Graphiken von Käthe Kollwitz erinnern. Bea Davies kann ungeheuer starke Portraits zeichnen. Man sieht ihrem Gregor Gog förmlich an, wie der vor Energie sprüht, wie er allen Widrigkeiten immer wieder trotzt und eine so große Menge von Menschen hinter sich versammelt, dass die Regierungen ganz unterschiedlicher Städte immer wieder ihre Polizei schicken.

Und Bea Davies spielt mit den Mitteln des Comics, einmal tanzt eine Figur über die Grenzen der Bilder in ein anderes Bild – so wird deutlich, wie dieses Vagabundendasein auch ein Gefühl von Freiheit in dieser engen Gesellschaft vermitteln konnte. Das größte Verdienst dieses Comics ist es aber, überhaupt über diesen umtriebigen und wichtigen Menschen geschrieben zu haben. Es ist die erste Biografie über Gregor Gog.

Andrea Heinze, kulturradio

Beatrice Davies und Patrick Spät: Der König der Vagabunden – Studien