Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt © dtv
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Comic - Ken Krimstein: "Die drei Leben der Hannah Arendt"

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Nach dem zweiten Weltkrieg löste die politische Theoretikerin Hannah Arendt bei ihren Zeitgenossen vor allem heftige Kritik aus. Weil sie die These vertrat, dass es sich beim Nationalsozialismus und dem Stalinismus um zwei gleiche Typen von Herrschaft – nämlich um Totalitarismus handelt. Oder weil sie als Beobachterin des Eichmann-Prozesses beim NS-Täter nichts bestialisches, sondern vielmehr die Banalität des Bösen beobachtet hat. Heute wird Hannah Arendt als große Denkerin entdeckt. Auch mit dem Comic von Ken Krimstein: "Die drei Leben der Hannah Arendt".

Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt © dtv
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Es gibt ein Bild im Comic, auf dem sagt Hannah Arendt: "Ab jetzt lebe ich drei Leben gleichzeitig: Lieben, Denken, Handeln." Der Comiczeichner Ken Krimstein hat Arendt dazu wie so eine sechsarmige indische Göttin gezeichnet, steht übrigens genauso für Tot und Zerstörung steht, wie auch für Erneuerung. Mit diesem Bild bringt Krimstein damit das Leben und Denken von Hannah Arendt auf den Punkt. Er zeichnet es, nachdem Hannah Arendt vor den Nationalsozialisten fliehen musste, also Tod und Zerstörung hinter ihr liegen – und vor ihr eine Karriere  als eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts.

Denken allein reicht nicht, um ein gutes Leben zu führen

Hannah Arendt musste fliehen, weil sie Jüdin war und weil sie ein Pressedossier über antijüdische Artikel in deutschen Zeitungen recherchiert hat, das galt als Gräuel-Propaganda. Allein diese Recherche zeigt, dass sie damals, 1933 bereits davon überzeugt war, dass Denken allein nicht reicht, um ein gutes Leben zu führen. Diese Idee hat sie nach dem 2. Weltkrieg in ihrem berühmten Buch "Vita Activa" auch theoretisch begründet.

Liebe an dritter Stelle

Dass das Denken für Hannah Arendt zum Leben gehört, wie die Luft zum Atmen wird schon deutlich, wenn Krimstein ihre Kindheit in Königsberg zeichnet, in der die kleine Hannah alles hinterfragt, was den Erwachsenen als Gewissheit gilt. Allerdings: wenn Krimstein in dem Bild mit der sechsarmigen Hannah Arendt dem Denken und Handeln die Liebe voranstellt, dann sitzt er einem Klischee auf - nämlich dem Klischee, dass bei Frauen die Liebe an erster Stelle kommt. Bei Hannah Arendt kam die Liebe an dritter Stelle - als Prüfstein für ihr Denken und Handeln.

Herausfordernde Liebesbeziehung zu Heidegger

Ein solcher Prüfstein war die Beziehung zu Martin Heidegger, der ihr Professor für Philosophie in Heidelberg war – und der erste, der sie auf intellektueller Ebene herausfordern konnte. Die beiden sind eine Liebesbeziehung eingegangen, und diese Liebe war für Hannah Arendt bis nach dem 2. Weltkrieg lebendig. Das war eine Herausforderung, weil Heidegger schon 1932 der NSDAP beitrat, nach 1933 Rektor der Freiburger Uni wurde, rechte Reden schwang und es nach dem Krieg nicht mal fertig brachte, sich dafür zu entschuldigen.

Heidegger als konventionelles Würstchen

Ken Krimstein schärft an dem Kontrast auch das Portrait, das er von Hannah Arendt zeichnet: da ist eine Frau, die messerscharf denken kann und ganz gleich, was die anderen sagen, auch ihr Handeln am diesem Denken ausrichtet.

Während Heidegger hier vor allem als sehr konventionelles Würstchen gezeichnet wird.

Streit der Deutungshoheit

Vor allem weil Krimstein die Philosophen nicht als so erhaben zeichnet, dass man zu ihnen aufschauen muss, gibt es immer wieder lustige Szenen. Krimstein zeigt das Gerangel um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit, das es unter den verschiedenen Schulen gab – und bei ihm taucht wirklich alles auf, was damals Rang und Namen hatte: der große Walter Benjamin, Karl Jaspers, Marcuse, Brecht, Einstein und viele mehr.

Grenzenlos scheinende Köpfe

Die Zeichnungen sind aber zum Glück ganz und gar nicht komisch, die wirken eher wie schnell hingeworfene Bleistiftskizzen, die Köpfe der Denker wirken grenzenlos, weil sie nicht von Linien eingerahmt sind. Manche dieser Zeichnungen sind ganz zart mit historischen Fotos unterlegt, so dass der dokumentarische Charakter dieses Comics unterstrichen wird. Vor allem aber wirkt dieses Skizzenhafte so, als sei das nur eine vorläufige Art, die Geschichte von Hannah Arendt zu zeichnen, als gäbe es noch andere Arten.

Pluralität

Damit kommt er dem Denken der Arendt nahe, die sich vehement gegen die Vorstellung gewehrt hat, dass es eine absolute Wahrheit gibt, also etwas, wonach die klassische Philosophie immer wieder gesucht hat. Stattdessen plädiert sie dafür, immer wieder alles zu durchdenken. Weil sich die Welt fortwährend verändert – auch weil immer neue Menschen mit einer ganz eigenen Sicht auf die Welt geboren werden. Für Hannah Arendt war die Sicht jedes einzelnen Menschen bedeutungsvoll – sie nannte das Pluralität und hat entscheidend geprägt, was wir darunter heute verstehen.

Verdichtet und hochaktuell

Erstaunlich auch, wie aktuell Hannah Arendts Überlegungen zum Nationalsozialismus und Stalinismus sind. Weil sie über die grundlegenden Strukturen dieser Systeme nachdenkt, für die sie den Begriff der totalitären Systeme erfunden hat. Ein Kennzeichen dieser Systeme sei ihr Umgang mit der Wahrheit: Totalitäre Herrscher glauben, dass sie bestimmen können, was ein Faktum sei. Und bevor sie die Realität an ihre Lügen anpassen könnten, bestünden ihre Signale aus einer unerbittlichen Missachtung der Fakten. Das klingt hochaktuell! Hannah Arendts Denken und Handeln umfasst natürlich mehr, als in diesem Comic zu lesen ist. Ken Krimsteins Verdienst liegt darin, dass er herausarbeitet, was an Hannah Arendt heute relevant ist.

Andrea Heinze, rbbKultur