Der goldene Kompass © Carlsen Verlag
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Comic - Stéphane Melchior-Durand und Clément Oubrerie: "Der goldene Kompass"

Bewertung:

Ein kleines Mädchen, das in die Machtkämpfe der großen weiten Welt verstrickt wird – das ist der Kern von Phillip Pullmanns Phantasie-Abenteuer-Roman "Der goldene Kompass". Der wurde fulminant mit Nicole Kidman und Daniel Craig verfilmt. Nun gibt es auch einen Comic zum Roman, von dem französischen Comic-Künstlerduo Stéphane Melchior und Clément Oubrerie.

Wer den Film gesehen hat, dem sind vermutlich vor allem die spektakulären Kampfszenen vor der schroffen Kulisse der Arktis in Erinnerung, mit den Eisbergen und Eisbären, die in dieser Geschichte kämpfen und eine entscheidende Rolle spielen. Anders als der Film fokussiert der Comic aber nicht auf die Kampfszenen, sondern auf das undurchschaubare und mitunter perfide Spiel der Erwachsenen. Und genau darin liegt seine Stärke.

Kinder verschwinden – und keiner kümmert sich

Lyra ein Waisenmädchen von vielleicht 12 Jahren hat es in diese eisige Landschaft verschlagen. Sie ist in einem Internat groß geworden, das an das von Harry Potter erinnert - und ähnlich wie Harry Potter ist auch diese Lyra damit konfrontiert, dass die Welt der Erwachsenen sehr komplex und nicht immer freundlich ist.

Da verschwinden zum Beispiel immer wieder Kinder. In der Regel sind es Kinder aus der Unterschicht – deshalb ist das kein großes Thema in diesem gehobenen Internatsbetrieb. Doch Lyra findet das ungerecht und schrecklich – und als dann auch noch ihr Freund, der Küchenjunge Roger verschwindet, macht sie sich auf die Suche – und landet zum Showdown in der Arktis.

Der goldene Kompass ist ein Gerät, das Lyra von ihrem Schuldirektor bekommt, der selbst eine zwiespältige Figur ist. Weil er Lyras Onkel, einen Polarforscher, vergiften wollte. Das hatte Lyra beobachtet und konnte ihren Onkel warnen.

Der goldene Kompass wird Lyra im Laufe der Geschichte sehr helfen, denn dieser Kompass zeigt an, was die Wahrheit ist. Allerdings nur, wenn man den bedienen kann – und das muss Lyra erst mal lernen: wie man die richtigen Fragen stellt – und wie man dann aus den 36 Zeichen, die auf dem Rand des Kompasses stehen, die richtige Antwort kombiniert.

Der goldene Kompass, Carlsen Verlag © Gillimard Jeunesse
Bild: Carlsen Verlag / Gillimard Jeunesse

Wie erkennt man die wahren Absichten hinter einem einnehmenden Wesen?

Das ist auch deshalb nicht einfach, weil sie mit einem Weltbild aufwächst, das religiöse Züge trägt und in dem klar formuliert ist, was gut und böse ist. Das muss Lyra erst mal hinterfragen, um der Wahrheit näher zu kommen. Und sie muss lernen, die Menschen richtig einzuschätzen. Da ist zum Beispiel Mrs Coulter, die Lyra nach ihrer Zeit am Internat zu sich nimmt.

Die ist unheimlich zugewandt und vertritt, wofür auch Lyra steht - und Lyra ist begeistert, da ist endlich eine, die sie ernst nimmt. Doch dann merkt sie, dass die Aufmerksamkeit und die Worte sehr kalkuliert von Mrs Coulter eingesetzt werden – und dann gibt es plötzlich den Verdacht, dass Mrs Coulter etwas mit dem Verschwinden der Kinder zu tun hat – das ist sehr spannend.

Der goldene kompass Carlsen Verlag © Gillimard Jeunesse
Bild: Carlsen Verlag / Gillimard Jeunesse

Mit fein schraffierten Linien, lässt der französische Comickünstler Clément Oubrerie die Mimik und Gestik lebendig werden. Wenn Lyra zum Beispiel Mrs Coulter trifft, dann ist man auch als Leserin eingenommen von ihr, weil man durch die Zeichnungen spürt, wie viel Aufmerksamkeit diese Frau anderen Menschen gegenüber aufbringen kann.

Diese unterstreicht Oubrerie auch durch die Farbgebung: die Szenen im Internat und mit Mrs Coulter sind in heimelig warmen Farben gehalten und schaffen allein deshalb schon so eine vertraute Atmosphäre, die auch Lyra erst hinterfragen muss, um all den Intrigen auf den Grund gehen zu können. Die Szenen in der Arktis sind dagegen in so eiskalten Blautönen gehalten, dass es einem kalt den Rücken runter läuft. Diese Zeichnungen sind so ausdrucksstark, das man meinen könnte, man braucht den Text gar nicht.

Ein Plädoyer für die eigene Urteilsfähigkeit

"Der goldene Kompass" ist ein klassisches Coming-of-Age Phantasie-Abenteuer, also für Teenager bestens geeignet. Aber auch Erwachsene ohne Teenageranhang haben ihren Spaß daran. Weil es ein komplexer Stoff ist, der auf vielschichtige Weise dafür plädiert, dass man sich sein eigenes Urteil bildet – und danach handelt. "Der Goldene Kompass" ist eine gelungene Comicadaption – und ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle Menschen ab 12 Jahre. (bei Carlsen steht, für Menschen ab 10 – ich hab da meine Zweifel)

Andrea Heinze, rbbKultur

Stéphane Melchior-Durand und Clément Oubrerie: "Der goldene Kompass"

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