Dominik Wendland: Egon © Jaja Verlag
Bild: Jaja Verlag

Comic des Monats | Juli 2019 - Dominik Wendland: "Egon"

Bewertung:

Der Münchener Comiczeichner Dominik Wendland ist dafür bekannt, dass er ganz alltäglichen Dingen Leben einhaucht. Für „Tüti“ über das Leben einer Plastiktüte war er sogar für den wichtigsten deutschen Comicpreis – den Max-und-Moritz-Preis nominiert. In seiner aktuellen Arbeit macht er das digitale Zeitalter zum Thema. "Egon" heißt der Comic.

Dominik Wendland: Egon © Jaja Verlag
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Wer Egon ist, bleibt erst mal rätselhaft. Er scheint ein Mensch der Zukunft zu sein, der auf einer hochtechnisierten Raumstation lebt, wo man sich seinen Kaffee aus dem 3-D-Drucker zieht. Und Egon hat offenbar einen Körper mit künstlicher Intelligenz geschaffen, der allein dazu da ist, existentielle Fragen zu stellen.

Man könnte meinen, es handele sich um eine hochtechnisierte Forschungsstation. Doch dann stellt sich immer mehr heraus, dass Egon in einer Kapsel eingeschlossen ist, weil die Welt um ihn herum völlig zerstört wurde.

Eine Reise durch das Internet

Damit diese Kapsel funktioniert, muss Egon immer wieder Energie in Form von Plutonium besorgen. Das spürt er im Internet auf. Das skurrile daran: er scheint tatsächlich durch das Internet hindurch zu reisen und tauscht sich dort mit den Anbietern von verschiedenen Portalen aus. Alle verdammen das so genannte Emotionszeitalter – in dem keiner mehr an Informationen interessiert sei. Das erinnert also durchaus an die Debatten, die hier bei uns gerade geführt werden.

Dominik Wendland hat den Comic abstrakt und flächig gezeichnet, mitunter erinnern die Körper mit ihren Gliedmaßen an Datenkabel. Als Egon durchs Internet reist, löst sich sein Körper sogar auf in kleine Tropfen und Pixel, sieht dann aus, wie ein Bild von Mondrian und erscheint plötzlich in den geometrischen Formen seines weißen Schutzanzugs, der wiederum an die Figuren aus Oskar Schlemmers Triadisches Ballett erinnert.

Dominik Wendland: Egon © Jaja Verlag
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Eine Welt ohne Sinnlichkeit und Emotion

Dominik Wendland zitiert hier also Kunstformen, die nicht emotional sind, sondern abstrakt. Und genauso ist das Leben dieses Egon: es gibt nichts Sinnliches, nichts Emotionales. Wenn der seinen Körper aus dem Schutzanzug befreit, dann ist er dürr und verhärmt. Sein einziger Begleiter ist ein fliegender Hund, der sich als Hologramm entpuppt und so geistreich Konversation führt wie eine Siri oder Alexa.

Besonders reich an Emotionen ist dieses Emotions-Zeitalter nicht! Vielmehr ist Emotion das Einzige, was vom vergangenen Zeitalter übrig geblieben ist. Allerdings nicht als echte Emotion, sondern als Piktogramme von Emotionen, also in Form von diesen Emoticons, die im Internet verbreitet werden. Und dieser Egon dokumentiert unser aktuelles Zeitalter, indem er die Emoticons sammelt und ihre Bedeutung versucht zu entschlüsseln. Das ist natürlich ein extrem dürftiges Abbild unserer Welt.

Eine digitale Dystopie

In diesem Umfeld schafft sich Egon ein Alter Ego in Form der künstlichen Intelligenz. Dieser Egon 2 soll seine Fragen nach dem Sinn des Lebens beantworten. Dabei bedenkt Egon allerdings nicht, dass seine von ihm geschaffene Intelligenz nur das Internet als Anregung hat – also Shoppingportale, Datingplattformen und Chatrooms. Dort verbraucht Egon 2 nicht nur ziemlich viel von Egons wertvoller Energie, er kommt auch zu kruden Ergebnissen bei der Sinnsuche. Man ahnt schon, dass das nicht gut gehen kann. Dominik Wendland schafft mit "Egon" eine Digitale Dystopie, in der nicht nur die Welt durch und durch kaputt ist, sondern auch die Menschen.

Andrea Heinze, rbbkultur

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