Comic-Cover "Sabrina"
Bild: Blumenbar Verlag

Comic des Monats | Oktober 2019 - Nick Drnaso: "Sabrina"

Bewertung:

Es war eine kleine Sensation, als bekannt wurde, dass es der Comic "Sabrina" auf die Longlist des Man-Booker-Prize geschafft hatte. "Ein Meisterwerk" lobte die Schriftstellerin Zadie Smith und die New York Times schrieb, der Comic sei "ein erschütterndes Kunstwerk". Jetzt ist "Sabrina" auf Deutsch erschienen und unser Comic des Monats im Oktober.

Auf den ersten Seiten wird Sabrina Durchschnittsamerikanerin vorgestellt, die in einem Haus irgendwo in einer Vorstadt lebt und Besuch von ihrer Schwester bekommt.

Sabrinas Schwester erzählt von ihrem ersten Urlaub als Teenagerin: Wie sie abgehauen ist nach Panama City Beach und da im miesesten Motel der Stadt landete, weil das Geld nicht reichte. Auch wäre sie fast noch vergewaltigt worden. Erfahrungen, die nicht gerade zu weiteren Reisen einladen.

Stoff für einen spannenden Krimi

Doch dann passiert etwas Seltsames: Am nächsten Morgen schreibt Sabrina einen Zettel, verlässt das Haus und wird nie wieder auftauchen. Vielleicht hat sie nach dem Gespräch mit der Schwester doch die Lust auf die weite Welt gepackt? Oder ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen?

Aus dieser Ausgangslage hätte Nick Drnaso einen spannenden Krimi machen können. Stattdessen zeigt er, wie die Angehörigen in eine tiefe Depression fallen.

Ausgerechnet das Bild, auf dem Sabrina vor die Tür tritt und verschwindet, ist eine der wenigen Szenen an der frischen Luft. Ansonsten zeigt der Comic fast ausschließlich karge Innenräume:  Zum Beispiel im Wohnzimmer gibt es nur ein Sofa, einen Tisch, einen Fernsehen, eine Heizung und ein Fenster mit Rollo – also alles, was es braucht, um zu funktionieren.

Auszug aus Comic "Sabrina"
Bild: Blumenbar Verlag

Die Menschen sind isoliert

So karg wie die Innenräume scheint auch das Seelenleben der Menschen zu sein. Und so wenig, wie diese aus dem Haus gehen, so wenig gehen sie aus sich heraus.

Auch das zeichnet Nick Drnaso eindrücklich: Selten sind die Menschen in diesem Comic einander zugewandt, vielmehr wirken sie isoliert. Und das verstärkt der Zeichner mit einem Trick: Er zeichnet in der Zentralperspektive, in der alles auf einen Punkt zuläuft. Und an diesen Punkt setzt er die Menschen, die so auf sich selbst zurückgeworfen wirken. Und zugleich auch weit weg, so als könnte man ihnen gar nicht nahe kommen. Das wirkt durchaus schön und übersichtlich aber sorgt gerade deshalb beim Lesen für Unbehagen.

 

Denn Nick Drnaso analysiert in dem Comic die Vereinsamung der amerikanischen Gesellschaft. Da ist zum Beispiel Calvin, der seinen alten Schulfreund Teddy aufnimmt, weil dessen Frau Sabrina verschwunden ist. Calvin arbeitet für einen amerikanischen Internet-Sicherheitsdienst und muss jeden Tag seine psychische Verfasstheit erfassen. Er weiß genau, wenn es ihm nicht gut geht und dokumentiert das pflichtgemäß. Trotzdem ist er genauso gefangen in sich selbst, wie die übrigen Protagonisten: Als er Teddy sein Haus zeigt, bleibt sein eigenes Zimmer zum Beispiel tabu.

Kommentar auf eine kriselnde Demokratie

Stattdessen wird alles, was irgendwie verunsichern könnte, medial vermittelt. Dazu gehören Calvins Gespräche mit der getrennt lebenden Tochter über Skype Aber auch ein Video, das einen brutalen Mord zeigt und sich im Internet rasant verbreitet.

Und genau hier führt Nick Drnaso die Fäden großartig zusammen: Er zeigt, dass seine Figuren völlig orientierungslos sind. Welchen Inhalten sollen sie glauben? Den Sensationsmedien? Oder den Verschwörungstheorien, die Teddy immer wieder im Radio hört?

 "Sabrina" zeigt Menschen, die ihr Leben vor allem auf den Konsum von medial vermittelten Bildern reduzieren und dadurch nicht nur emotional verarmen, sondern auch ihre Urteilsfähigkeit verlieren.

Damit kann man den Comic auch als einen Kommentar auf eine Demokratie lesen, in der die Menschen immer populistischer und radikaler wählen. Vermutlich ist "Sabrina" deshalb als erster Comic für den Man-Booker-Prize nominiert worden. Und sicher auch, weil er sehr dicht und kunstvoll erzählt ist. Ein Comic in dem der Inhalt wesentlich über die Bildkomposition erzählt wird.

Andrea Heinze, rbbKultur

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