Cover Comic: "Nachts im Paradie"
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Comic des Monats | August 2019 - Frank Schmolke: "Nachts im Paradies"

Bewertung:

Das Münchner Oktoberfest ist ein Paradies für alle Taxifahrer: Zu keiner Zeit im Jahr kann man mehr verdienen. Der Comiczeichner und Illustrator Frank Schmolke war Taxifahrer während des Oktoberfestes und legt mit "Nachts im Paradies" einen furiosen Comic-Thriller über einen Taxifahrer in den Wirren des Oktoberfestes vor.

Comiczeichner und Illustrator Frank Schmolke
Bild: rbb

Dass das Oktoberfest eine Goldgrube ist, zeichnet Frank Schmolke schon auf den ersten Seiten: Seine Bilder zeigen Taxifahrer, die morgens mit dicker Brieftasche in die Zentrale zurückkommen. Selbst ganz neue Fahrer, die die Tricks noch nicht kennen, wie man mit Betrunkenen am besten umgeht und wann man vorsichtig sein sollte.

Tanz auf dem Vulkan

Schmolke zeigt aber auch, wie sehr das Oktoberfest ein Tanz auf dem Vulkan ist. Weil die meisten Gäste so betrunken sind, dass es Drohungen und Gewalt gegen den Taxifahrer gibt – und vor allem gegen Frauen, die als Freiwild angesehen werden.

Am Ende der ersten Nacht wird Schmolkes Held Vincent von der Polizei erwischt, weil er zwei Fahrgäste viel zu schnell zum Flughafen gefahren hat. Er hat ein vollgekotztes Taxi, und die  die Einnahmen wurden ihm auch noch geklaut.

Ein raffinierter Thriller im Taxi

Aus diesem Setting hat Frank Schmolke einen raffinierten Thriller gemacht. Denn Vincents sechszehnjährige Tochter Anna kommt zu Besuch und als die nachts ausgeht, schüttet ihr jemand KO-Tropfen in den Drink. Anna kann zwar entkommen, verliert durch die Droge aber völlig die Orientierung. Und sie wird von dem Täter und seinen Freunden durch die Nacht gejagt.

Vincent bekommt davon nichts mit, weil er Taxi fährt. Und weil er sich selbst immer mehr in Situationen verstrickt, bei denen er die Kontrolle verliert. Da gibt es zum Beispiel einen Zuhälter, der viel Geld bietet, wenn Vincent Prostituierte zu Kunden fährt. Vincent willigt ein, weil er den ganzen Betrunkenen vom Oktoberfest entkommen will – und gerät dadurch nur noch tiefer in den Schlamassel - nämlich in einen Bandenkrieg. Erst im Morgengrauen  werden die Handlungsstränge zusammen gefügt und es kommt zu einem Showdown.

So verrückt das alles klingen mag: Der Comic hat einen authentischen Kern. Im Nachwort legt Frank Schmolke offen, dass die Geschichte auf vielen Begegnungen basiert, die es tatsächlich gab: Die Geschäftsleute, die Vincent mit überhöhter Geschwindigkeit zum Flughafen fährt zum Beispiel. Die ein oder anderen Betrunkenen – und auch das Angebot von dem Zuhälter gab es wirklich.

Und: Frank Schmolke hat beim Taxifahren in Skizzenbücher gezeichnet, aus denen er für den Comic einige Szenen übernommen hat.

Wimmelbilder des Rausches

Den Strich der Skizzen hat Frank Schmolke für den Comic noch wilder und unkontrollierter gezogen. "Nachts im Paradies" ist mit dem rauen Strich eines schwarzen Filzstifts gezeichnet, der die Gesichter und Konturen der Menschen nur grob umreißt und immer wieder ausfranst.

Und der das Oktoberfest und all die Bars und Spelunken in ihrer ganzen Unübersichtlichkeit zeigt: Es sind Wimmelbilder des Rausches, auf denen Menschenmengen aus den Bierzelten zu den Taxis strömen die Gesichter verzerrt, Brüste hängen aus den Kleidern. Manche der Gestalten fallen hin, andere greifen mit ihren Armen in die schon besetzten Taxis, als wären sie nicht mehr zu stoppen.

Auszug aus Comic "Nachts im Paradies"
Bild: Edition Moderne

Frank Schmolke zeichnet das Oktoberfest nicht als Dirndl-Idyll, sondern als ekstatisches Fest, dass so wild und ungezügelt ist, wie antike Orgien zu den Dionysien oder Bacchusfesten. Allein wegen dieser Zeichnungen lohnt der Comic.

Außerdem lässt Schmolke immer wieder aufblitzen, wie befreiend Ausschweifungen sein können. Er zeigt aber vor allem, wie schnell das kippen kann, wie der Rausch zur Gefahr wird. Weil sich im Rausch entlädt, was immer noch in vielen Köpfen verankert ist: dass Frauen von Männern benutzt werden können.

Video

Standbild Video zu "Nachts im Paradies"
rbb

Die gezeichnete Rezension - - Frank Schmolke: "Nachts im Paradies"

Die Berliner Comiczeichnerin Katja Klengel stellt den Comic-Thriller vor.

Andrea Heinze, rbbkultur

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imago/McPHOTO

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Cover Comic: "Nachts im Paradie"
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