Reinhard Kleist: "Knock Out!
Bild: Carlsen

Comic des Monats | September 2019 - Reinhard Kleist: "Knock Out! - Die Geschichte von E. Griffith"

Bewertung:

Der mehrmaligen Box-Weltmeister Emile Griffith war Anfang der 60er Jahre lange ungeschlagen. Bis er einen Gegner im Ring totgeschlagen hat. "Knock Out" heißt  der Comic von Reinhard Kleist, der diese Geschichte erzählt.

Eigentlich wollte Emile Griffith gar nicht Boxer werden, sondern Ping Pong Profi oder Baseballspieler. Das ging nicht, weil Griffith ein Schwarzer ist und Schwarze damals in den 1950er Jahren keine Chance im US-Profisport hatten. Die einzige Ausnahme: der Boxsport.

Emile Griffith wird von seinem Chef, einem Hutfabrikanten, zum Boxen überredet, der mit einem Boxtrainer befreundet ist. Und Griffith erweist sich als außerordentlich talentiert, steigt schon nach den ersten Kämpfen auf und wird schließlich Weltmeister. Das war 1961.

Reinhard Kleist: "Knock Out!
Bild: Carlsen Verlag

Damenhüte mit Blumen und Schleifen

Das Klischee des harten Boxers passt überhaupt nicht zu Griffith. Das zeigt Reinhard Kleist an verschiedenen  Anekdoten: Griffith entwirft zum Beispiel Damenhüte mit Blumen und Schleifen, die damals wirklich produziert worden sind.

Und er war schwul – was bis heute im Profisport nicht akzeptiert ist. Was Griffiths sexuelle Orientierung im 20. Jahrhundert in den USA bedeutet, macht Reinhard Kleist schon auf den ersten Seiten seines Comcs "Knock Out" klar: der Boxer wird brutal zusammen geschlagen, weil er aus einer Schwulenbar kommt – auch das ist tatsächlich passiert.

Reinhard Kleist; Foto: Gregor Baron

Meister der schwarz-weißen Tuschemalerei

Reinhard Kleist ist ein Meister der schwarz-weißen Tuschemalerei, der den Kämpfen im Ring durch seine sehr klare Lichtdramaturgie eine besondere Kraft gibt. Und er schafft es auch, mit ein paar Pinselstrichen klar zu machen, ob da gerade ein Schwarzer oder ein Weißer kämpft.

Allein diese Pinselzeichnungen sind großartig. Bei seiner vorangegangenen Biografie von Nick Cave hat er den Pinsel geradezu ruppig geführt und immer wieder ausfransen lassen. Den Boxer Emile Griffith fasst er dagegen mit Samthandschuhen an, die Konturen sind weich gezeichnet, die Linien tanzen um den Körper des Boxers. Mit wenigen Pinselstrichen zeichnet Kleist ein ausdrucksstarkes Portraits des Boxers.

Wie konnte es dazu kommen?

Doch wie konnte es dazu kommen, dass so ein eher feinsinniger Mensch seinen Gegner im Ring tot schlägt?

Es war ein wichtiger Kampf um den Weltmeistertitel. Benny Paret hat Griffith herausgefordert und will unbedingt gewinnen. Die beiden habenn schon 11 Runden gekämpft und sind erschöpft. In der 12. Runde wird Griffith als Schwuchtel beschimpft und das trifft bei dem Boxer offenbar einen wunden Punkt, denn er schlägt so hart zurück, dass Paret zu Boden geht und an den Folgen der Verletzungen stirbt.

Das Verrückte ist, das Reinhard Kleist in seinem Comic zeigt, wie Griffith in seinem Umfeld ganz offen mit seiner Homosexualität umgegangen ist und dafür auch akzeptiert wurde. Man könnte meinen, es gibt gar keinen Grund, dass so eine Beleidigung den Boxer so schwer trifft.

Wendepunkt

Aber Kleist macht zugleich klar, wie groß das gesellschaftliche Stigma ist. Es gibt Polizeirazzien in Schwulenclubs. Schwule können auf offener Straße so verprügelt werden, dass sie um ihr Leben fürchten müssen.

Dieser Kampf wird für Griffith zu einem Wendepunkt, denn danach schafft er es nicht mehr konsequent zu kämpfen und seine Gegner KO zu schlagen, auch wenn er das könnte.

Opfer und Täter

Reinhard Kleist inszeniert die Bedeutung dieses Kampfes sehr geschickt. Denn schon am Anfang des Buchs, als Griffith selbst nach dem Besuch der Schwulenbar zusammengeschlagen wird, hilft ihm einer auf, dem Griffith im Comic sein ganzes Leben erzählen wird.

Man weiß erst mal nicht, wer das ist. Und dann stellt sich heraus, es ist Benny Paret. Griffith erzählt ihm sein Leben, weil er sich bis zum eigenen Lebensende schuldig fühlt. Das fiktive Gespräch wird zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld aber auch mit der Homosexualität.

"Die Leute verzeihen mir, dass ich jemanden totgeschlagen habe, aber nicht das ich schwul bin. Wenn ich nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein Leben lang eingesperrt."

Aus diesem Zitat Griffiths macht Reinhard Kleist die Geschichte von einem, der gedemütigt wird, einmal zurückschlägt - was zur Katastrophe für alle wird. Emile Griffith ist kein schwules, schwarzes Opfer – er ist Opfer und Täter.

Andrea Heinze, rbbKultur

Mehr

Comic des Monats - September
rbb

Die gezeichnete Rezension von Flix - Reinhard Kleist: "Knock Out"

"Er ist schwarz, er ist schwul, er wird gedemütigt – und dann schlägt er zu."

Für den Berliner Comiczeichner Flix ist unser Comic des Monats "Knock Out" von Reinhard Kleist  d a s  Boxerdrama des Jahres.

Beatrice Davies und Patrick Spät: Der König der Vagabunden © Avant Verlag
Avant Verlag

- Comic des Monats

Die besten Neuerscheinungen oder auch die lohnendsten Wiederentdeckungen. In unserer Rubrik "Comic des Monats" machen wir auf spannende Lektüre aufmerksam.

Unsere Comic-Expertin Andrea Heinze wählt aus den vielen Neuerscheinungen der grafischen Literatur ihre Empfehlungen aus. Dazu gibt unveröffentlichtes Material Einblick in die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler.

Comic Explosion
imago/McPHOTO

2. Quartal 2019 - Comic-Bestenliste

Das sind sie – die zehn besten Comics des Quartals. 30 Menschen aus Rundfunk, Presse, Fachpresse und Web, die ein Herz für und Ahnung von Comics haben, stellen Neuerscheinungen vor, denen sie ein großes Publikum wünschen.