Moki: Sumpfland; Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlages; © Moki/Reprodukt
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Comic des Monats | Juni 2019 - Moki: "Sumpfland"

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Moki ist eine Berliner Künstlerin, die auf ihren Bildern immer wieder Phantasiewelten mit viel Natur entwirft, die vertraut erscheinen und zugleich verstörend sind. Ihr Comic "Sumpfland" erschienen ist so bezaubernd und aktuell, dass er Comic des Monats auf rbbKultur ist.

Moki: Sumpfland; Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlages; © Moki/Reprodukt
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Nichts ist eindeutig in diesem Comic: Da gibt es Urzeitwesen, die aufrecht gehen wie Menschen, aber ein sehr puscheliges Fell haben. Vermutlich handelt es sich um Vater und Sohn, die mit Pfeil und Bogen ihre Nahrung jagen – vielleicht sind es aber auch Mutter und Tochter.

In weiteren Episoden von "Sumpfland" agieren wieder ganz andere Figuren. Zum Beispiel die seltsamen Wesen, die Ableger bilden. In den ersten Bildern werden die so liebevoll umsorgt, als seien sie in einem Geburtsvorbereitungskurs. Alle sind geradezu beseelt von dem, was sie tun.

Und dann kippt die heile Welt: Als ein Wesen nicht mehr so einfach Ableger bilden kann, gibt es plötzlich Druck von denen, die es gerade noch umsorgt haben. Und plötzlich erscheint diese einst so heile Welt wie eine perfide Ausbeutungsmaschinerie.

Das klingt alles ziemlich verrückt und trotzdem wirken die Szenen auch vertraut. Weil da auf eine sehr assoziative Art mit geläufigen Themen gespielt wird.

Moki schöpft aus dem Schatz der Kulturgeschichte

Moki zeichnet ihre Episoden mit schwarzem Strich auf lindgrünem Papier, manchmal sind die Zeichnungen weiß unterlegt. Mit diesen sehr einfachen Mitteln schafft die Berliner Comickünstlerin eine große grafische Vielfalt: ungeheuer verspielte Landschaften, bei denen ein Baum schon mal eine ganze Doppelseite überspannen kann. Und der ist so fein gezeichnet, dass man meint, man könne die Blätter rauschen hören.

Manche der Figuren sind nur mit ein paar Strichen umrissen, bei anderen ist vor allem die Kleidung mit feinsten Schraffuren ausgearbeitet. Und dann tauchen auch noch archaisch anmutende Masken auf. Es scheint, als wolle Moki aus dem grafischen Schatz der Kulturgeschichte schöpfen.

Wie man in einer komplexen Welt moralisch integer leben kann

Das Schöne daran: Man merkt nach und nach, dass alles zusammenhängt. Die einzelnen kleinen Geschichten werden miteinander verwoben, aber auch das Personal aus den Episoden taucht immer wieder in anderen Geschichten auf.

Wie sehr die optische Ebene verzweigt ist, entdeckt man allerdings erst nach wiederholtem Lesen. Da gibt es etwa einen jungen Mann und einen Fuchs, die ein Paar sind und die sehr liebevoll und achtsam miteinander umgehen. Irgendwann bestellen sich die beiden einen Karton voll Flocken – und das sind eben genau die Ableger, die in der ausbeuterischen Reproduktionsfabrik hergestellt werden. Auch mit solchen Episoden wirft Moki die Frage auf, wie man ein moralisch integres Leben in einer komplexen Welt führen kann.

"Sumpfland" repräsentiert die Fridays for Future Generation

Moki zeichnet in "Sumpfland" immer wieder Szenen mit gesellschaftlicher Relevanz. Die Ausbeutung der Natur ist Thema. Die Wesen, die so urzeitlich jagen, töten etwa irgendwann aus reiner Lust und hinterlassen überall ihren Unrat. Und irgendwann tun sich viele der Sprösslinge aus der Reproduktionsfabrik zusammen und demonstrieren mit Schildern gegen die Wachstumsdoktrin oder stellen Fragen. Zum Beispiel: Warum kann man noch Produkte kaufen, die nicht Fairtrade sind?

Damit repräsentiert "Sumpfland" die "Fridays for Future"-Generation und zeigt deren Lebenswelt und Gedanken in einer spielerisch-dichten und damit nicht unbedingt leicht zugänglichen Weise. Ein Comic für Menschen, die gerne entschlüsseln. Wer sich dem hingibt, wird mit wunderschönen Bildern belohnt.

Andrea Heinze, rbbkultur

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- Comic des Monats

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