Die Bombe © Carlsen
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75 Jahre Hiroshima / Graphic Novel - Alcante, Laurent-Frédéric Bollée, Denis Rodier: "Die Bombe"

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Hiroshima – der Name der japanischen Stadt steht seit dem 6. August 1945 wie nichts anderes für Zerstörung und Katastrophe. An jenem Tag vor 75 Jahren warfen die USA eine Atombombe auf Hiroshima ab. Mehr als 100.000 Menschen starben. Zuvor lieferten sich die Staaten der Welt einen Wettlauf.

Die Bombe - 75 Jahre Hiroshima: Die Entwicklung der Atombombe © Carlsen Verlag
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Gerade eben noch saß der Mann auf den Treppen eines Gebäudes, winkte einer Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Im nächsten Moment schaut er ungläubig nach oben – dann schmelzen seine Umrisse zu kohlschwarzen Pixeln zusammen. Ein rauchender Rest Materie. Hiroshima ist verschwunden. Ein Dreirad, ein Bus, Straßenzüge sind zu erkennen, wie sie zerfließen, brennend und gleißend von der Atombombe verschlungen werden. Es sind drastische Szenen in Schwarz-Weiß, die den Moment zeigen, als die Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945 um 8.16 Uhr und zwei Sekunden über der 255.000-Einwohner-Stadt explodiert. Wie in einem gut gemachten Blockbuster schneidet die Graphic Novel daraufhin ins Innere des Flugzeugcockpits, das die Bombe abgeworfen hat. Und: sie macht das Uran – jenes Element, das die Atombombe erst möglich machte – zu einem Erzähler:

"Solch langes Warten, endlich belohnt!", ruft es aus. Und: "Welch gewaltiges, befreiendes Gefühl! (…) Erzittert vor meiner absoluten Macht!"

Die alte Gewissensfrage der Forschung

Die Katastrophe passiert aber erst auf den letzten 70 der 470 Seiten. Zuvor erzählt die Graphic Novel die Geschichte dahinter. Physiker, die hier wie da zur Kernspaltung und Radioaktivität forschen und zwar wissen, dass die Ergebnisse nicht nur friedfertig dem Fortschritt der Menschheit dienen, sondern Leid, Zerstörung und Tod bringen können, die aber ihre Arbeit trotzdem weiter vorantreiben.

Die alte Gewissensfrage der Forschung wird hier einmal mehr verhandelt. Akteure sind historische Figuren wie Physik-Nobelpreisträger Enrico Fermi, der Entdecker der Kernreaktionen. Oder Julius Robert Oppenheimer, der das Manhattan-Project leitete, das in den USA die ersten Atombomben entwickelte. Weniger bekannt dürfte der ungarische Kernphysiker und Entdecker der nuklearen Kettenreaktion Leó Szilárd sein – er lehrte in den 30er Jahren in Berlin, emigrierte aber nach der Machtübernahme Hitlers in die USA und wurde ebenfalls Teil des Manhattan Projects. Allerdings warnte er vor dem Einsatz der Bombe im Krieg und versuchte ihn gemeinsam mit anderen Forschern zu verhindern – ohne Erfolg.

Das Uran als teuflischer Kommentator – ein erzählerischer Kniff

Der belgische Comic-Autor Alcante und sein französischer Co-Autor Laurent-Frédéric Bollée haben ausführlich recherchiert für ihren dokumentarischen Comic, angereichert mit Fiktion, und fünf Jahre daran gearbeitet. Die Materie ist komplex, das Ergebnis überzeugend. Sie schaffen es, auf 470 Seiten komplexeste Verstrickungen und Hintergründe so packend zu erzählen, dass man durchaus von einem Page-Turner sprechen kann.

Dabei bewegen sie sich erzählerisch auf verschiedenen Ebenen. Da ist das Uran, das sich immer wieder als teuflischer Kommentator einmischt. Das ist ein besonderer Kniff, der einem während des Lesens regelmäßig kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Da sind einzelne Wissenschaftler zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und Emigration. Da ist eine Familie in Hiroshima. Da sind die verschiedenen Kriegsparteien, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass Hitler die Atombombe zuerst baut. Das Buch reist an verschiedene zentrale Schauplätze – Hiroshima, Berlin, London, Los Alamos in den USA, Washington D.C., Norwegen – wo eine britische Geheimmission den Abbau von „Schwerem Wasser“ durch die Deutschen sabotiert. Und erklärt den Ablauf einer nuklearen Kettenreaktion für Laien verständlich.

Die Bombe - 75 Jahre Hiroshima: Die Entwicklung der Atombombe © Carlsen Verlag

Ein filmisches Erlebnis

Was auch an den Zeichnungen von Denis Rodier aus Kanada liegt. Sie sind prägnant schwarz-weiß, kantig, im Stil alter Hollywoodfilme der 30er oder 40er Jahre gehalten. Überhaupt ist die ganze Graphic Novel ein fast filmisches Ereignis. Mit rasanten Schnitten, Totalansichten, Großaufnahmen und viel Dynamik und Bewegung im Strich.

"Die Bombe" ist kein trockener, mit Text überfrachteter Sach-Comic zum Jahrestag, sondern ein künstlerisch und erzählerisch überzeugender Band, der den Namen Graphic Novel wirklich verdient – und gleichzeitig auch noch viele Fakten vermittelt.

Vom Mann auf den Treppen ist nach dem Abwurf der Bombe auf Hiroshima nichts als ein Schatten geblieben. Ein Abdruck, der heute in einer Gedenkstätte in Hiroshima zu besichtigen ist – und den der Comicautor Alcante als Junge besichtigt hat. Und der ihn so tief beeindruckt hat, dass er dieses Buch machen musste.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

Die Bombe - 75 Jahre Hiroshima: Die Entwicklung der Atombombe