James Sturm: Ausnahmezustand; Montage: rbbKultur
Bild: Reprodukt Verlag

Comic des Monats - James Sturm: "Ausnahmezustand"

Bewertung:

Als Donald Trump im Jahr 2016 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, war das eine Überraschung. Trump hatte die Wahl gewonnen, weil viele Anhänger der Demokraten nicht wählen gegangen sind. Wie es dazu kommen konnte, analysiert der Comic "Ausnahmezustand" von James Sturm, der gerade auf Deutsch erschienen ist. Andrea Heinze stellt ihn vor.

Mark und Lisa sind nicht recht zufrieden. Mit ihrer Beziehung nicht und auch nicht mit ihrem Land. Beide sind glühende Anhänger von Bernie Sanders und enttäuscht, weil der die Vorwahlen verloren hat. Für die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton brennen sie nicht.

Diese Konstellation nimmt der US-Amerikaner James zum Ausgangspunkt für seinen Comic, in dem eine Familie danach strebt, ihr Leben zu verbessern. Ein Leben, das ihnen nach und nach entgleitet – im Privaten wie im Politischen.

Die Krise der amerikanischen Gesellschaft

Lisa braucht Abstand von Mark und dem anstrengenden Familienleben. Die Trennung wird von beiden nach allen Regeln der Vernunft vollzogen, mit Mediation, Therapie und schließlich mit Anwälten. Das Paar erlebt eine Krise, die stellvertretend für die amerikanische Gesellschaft steht. Mark will sich um seine Kinder kümmern – arbeitet als selbständiger Handwerker mehr als ihm lieb ist, um alle Rechnungen bezahlen zu können. Und dann gerät er an einen Auftraggeber, der selbst auf großem Fuß lebt und seine Rechnungen nicht zahlt.

Zuverlässigkeit ist kein universeller Wert mehr in der amerikanischen Gesellschaft und dieser Werteverfall bedroht sein Leben empfindlich: Weil ein Scheck platzt, wird der Judounterricht der Tochter nicht bezahlt. In der Schule fehlen immer wieder Unterschriften. Lisa ist sauer und will Mark die Kinder entziehen. Sie kann gelassener mit der Situation umgehen, der Stress, mit dem Mark die ganze Zeit leben muss, ist ihr fremd – schließlich sind ihre Eltern wohlhabend.

Eine universelle Geschichte

James Sturm zeichnet die Geschichte von Mark und Lisa schwarz-weiß und in strengem Format – immer zwei Bilder auf einer Seite, so als ob das auseinander brechende Leben durch diese Strenge zusammengehalten werden soll.

"Ausnahmezustand" kommt wie eine universelle Geschichte daher – auch weil die Figuren nicht menschlich sind, sondern aufrecht laufende Hunde. Vor allem Mark wirkt wie ein erwachsen gewordener Snoopy aus dem gleichnamigen Klassiker von Charles M. Schultz. Nur das Mark die ganze Zeit furchtbar angestrengt und müde wirkt.

James Sturm: Ausnahmezustand; Montage: rbbKultur
Bild: Reprodukt Verlag

Keine Kraft zum Wählen

Die amerikanische Gesellschaft lebt permanent im Ausnahmezustand – das macht der Comic von James Sturm auf jeder Seite deutlich: Immer wieder ist die Existenz bedroht, das Privatleben leidet und dann muss auch noch die Fassade eines gelungenen Lebens gewahrt werden.

Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, politisch aktiv zu sein. "Wenn du nicht für Hillary stimmst, stimmst du für Trump!", schimpft Marks Tochter Suzie einmal von der Rückbank. Mark wird nicht einmal mehr die Kraft zum Wählen haben – so wie viele Amerikaner.

Das war, als es noch keine Corona-Pandemie gab. Wenn im November wieder die Wahlen anstehen, ist noch mehr Ausnahmezustand.

Andrea Heinze, rbbKultur

Mehr

Yoshiharu Tsuge: Der nutzlose Mann; Montage: rbbKultur
Reprodukt Verlag

- Comic des Monats

Die besten Neuerscheinungen oder auch die lohnendsten Wiederentdeckungen. In unserer Rubrik "Comic des Monats" machen wir auf spannende Lektüre aufmerksam.

Unsere Comic-Expertin Andrea Heinze wählt aus den vielen Neuerscheinungen der grafischen Literatur ihre Empfehlungen aus. Dazu gibt unveröffentlichtes Material Einblick in die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler.

Comic Explosion
imago/McPHOTO

3. Quartal 2020 - Comic-Bestenliste

Das sind sie – die zehn besten Comics des Quartals. 30 Menschen aus Rundfunk, Presse, Fachpresse und Web, die ein Herz für und Ahnung von Comics haben, stellen Neuerscheinungen vor, denen sie ein großes Publikum wünschen.