Kathrin Klingner: Über Spanien lacht die Sonne; Montage: rbbKultur
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Comic des Monats - Kathrin Klingner: "Über Spanien lacht die Sonne"

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Die Comic-Künstlerin Kathrin Klingner ist bekannt dafür, dass sie das Leben des akademischen Prekariats zeichnet – also das Leben von gut ausgebildeten, urbanen Menschen mit schlecht bezahlten Jobs. Jetzt hat sie "Über Spanien lacht die Sonne" vorgelegt, einen autobiografisch geprägten Comic über das Internetzeitalter.

Der Titel "Über Spanien lacht die Sonne" ist der erste Teil eines der häufigsten Hasskommentare im Internet: "Über Spanien lacht die Sonne und über Deutschland lacht die ganze Welt".  Kathrin Klingner weiß das, weil sie selbst für eine Internetagentur arbeitet, die Hasskommentare im Netz löscht. Und in dem Comic hat sie ihre Erfahrungen mit Hasskommentaren während der Flüchtlingskrise in Deutschland dokumentiert.

Kathrin Klingner: Über Spanien lacht die Sonne; © Reprodukt
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Meinungsvielfalt wird von Hasskommentatoren nicht toleriert

Da wird Unsicherheit gesät – indem zum Beispiel suggeriert wird, die ganze Welt würde über Deutschland lachen, weil viele der Flüchtenden hier erst mal ankommen dürfen und nicht mehr zwischen den Ländern hin und hergeschoben werden. Da werden Menschen aufs schlimmste diffamiert, Flüchtende genauso, wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Falsche Informationen werden gestreut. Und es wird ganz gezielt gedroht: Dass all jene zur Rechenschaft gezogen würden, die die Flüchtenden in irgendeiner Weise unterstützen, dass man deren Adressen kenne und der Tag der Machtübernahme nicht mehr weit sei.

Dass es solche Kommentare gibt, ist bekannt. Wenn man es derart gebündelt liest, entwickelt das aber noch mal eine ganz eigene Wucht. Und eins wird dabei auch sehr deutlich: Meinungsvielfalt wird von denen, die Hasskommentare schreiben, nicht toleriert. Eine Comicgeschichte wird aus diesen Kommentaren, weil Kathrin Klingner zeigt, was solche Kommentare mit den Menschen machen, die ihnen ausgesetzt sind. In diesem Fall sind das die Mitarbeiter der Internetagentur, die die Kommentare löschen. Der Comic spielt fast ausschließlich in den Büros der Agentur und auf jeder Comic-Seite sind die Hasskommentare oder die Arbeit daran präsent. Man merkt, wie sehr diese Kommentare an die Substanz gehen.

Den mentalen Dreck weg machen geht an die Substanz

Kathrin Klingner zeichnet das in einem ganz reduzierten Stil – mit wenigen Strichen, ganz gleichförmig, fast immer sechs Panels pro Seite. Gerade dadurch fokussiert der Comic auf die Hasskommentare und was sie anrichten. Ihr Alter Ego zeichnet Kathrin Klingner zum Beispiel als eine Häsin, deren Gesicht nur aus fünf schwarzen Strichen besteht: einem kleinen für Mund und Nase, zwei größeren, die die Augen darstellen sowie zwei langen Strichen für die Ohren. Mit diesem reduzierten Strichen gelingt es ihr, all die Emotionen auszudrücken, die diese Kommentare auslösen: Ungläubigkeit und Wut, aber auch Resignation und Verunsicherung. Das mit so einfachen Mitteln darzustellen, ist wirklich außergewöhnlich.

Außerdem zeigt Kathrin Klingner, wie bunt zusammengewürfelt die Mitarbeiter*innen der Agentur sind: Da gibt es einen ehemaligen Kneipenbesitzer, Menschen, die sich von einem Call-Center- oder Kellnerjob zum nächsten hangeln, dazu gehört auch ihr Alter Ego, die Häsin mit ihrem Kunststudium. Aber auch eine Mutter, die einen gut bezahlten Job beim Fernsehen hatte und die Dienstzeiten dort mit der Kindererziehung nicht unter einen Hut bringen konnte. Also alles Menschen, die trotz zum Teil sehr guter Ausbildung keine Festanstellung ergattern konnten und jetzt den mentalen Dreck im Internet weg machen müssen. Viele davon sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Kathrin Klingner: Über Spanien lacht die Sonne; © Reprodukt
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Verunsicherung und Desinformation kann in jeder Krise Sprengstoff werden

Dann gibt es immer wieder Ausflüge ins Privatleben. Zum Beispiel, als nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln die Zahl der Hasskommentare in die Höhe schnellen. Die Mutter, die ihren Fernsehjob aufgegeben hat, muss auch hier wieder Sonderschichten schieben. Das geht an die Substanz. Noch viel mehr gehen aber Hasskommentare an die Substanz. Das geht so weit, dass die Mitarbeiter der Agentur sich gegenseitig verdächtigen, Hasskommentare zu schreiben.

All das könnte deprimierend sein. Doch dadurch, dass Kathrin Klingner so abstrakt zeichnet, ist der Comic "Über Spanien lacht die Sonne" viel mehr erhellend als deprimierend. Weil der Comic die Mechanismen der Hasskommentare deutlich macht: eine Mischung aus Verunsicherung und Desinformation, die in jeder Krise zum Sprengstoff werden können, in der Flüchtlingskrise genauso, wie in der aktuellen Corona-Krise. Und Kathrin Klingner zeigt, was dagegen hilft: Informationen gut prüfen – und vor allem gelassen bleiben.

Andrea Heinze, rbbKultur

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