Shane Simmons: Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers; Montage: rbbKultur
Bild: Avant Verlag

Comic des Monats - Shane Simmons: "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers"

Bewertung:

Der Kanadier Shane Simmonds beschreibt eine Lebensgeschichte komplett mit "Punkten", die sich unterhalten. Eine Art Satire auf romantische Entwicklungsromane – und ein Muss für alle Strukturfetischisten.

Auf den ersten Blick besteht der Comic auf jeder Seite aus unzähligen regelmäßigen Kästchen, in denen sich am unteren Rand ein oder mehrere Punkte tummeln. Darüber stehen kurze Texte, die einem oder mehreren Punkten mit einfachen Strichen zugeordnet sind. Klingt total kompliziert, sieht unübersichtlich aus – und trotzdem wird man schnell in die Handlung dieses Comics hineingezogen, weil die Dialoge hervorragend geschrieben sind. Und weil Shane Simmons seine Geschichte mit Typen inszeniert, die aus unzähligen anderen Geschichten bekannt sind.

Ein ungelerntes Leben

Wir befinden uns im walisischen Cardiff des 19. Jahrhunderts, vor dem Haus einer armen, streng katholischen Familie. Die Frau bekommt schon wieder ein Kind, und es sind bereits so viele, dass sich ihr Gatte in der Aufregung gar nicht an die genaue Zahl erinnern kann. Bei diesen wenigen Informationen entstehen sofort Bilder im Kopf, obwohl da gar keine sind.

"Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" ist die Biografie von Gethers Geburt bis zu seinem Tod. Und es ist ein ungelerntes Leben, weil ihm niemand sagt, wie die Welt funktioniert – wie man sich derart darin bewegen kann, dass man das Leben in der Hand hat. Das fängt schon damit an, dass Rolands Mutter bei der Geburt stirbt und er sich die ersten Jahre völlig selbst überlassen ist, weil sein Vater und die Brüder im Bergwerk arbeiten.

Roland hat sogar Ambitionen: Er will Buchhalter werden und setzt das gegen seinen Vater durch. Bloß darf er in der Lehre immer nur Böden wischen und lernt nichts. Und als sein Kontor dicht machen muss, wird er arbeitslos, weil er nichts kann.

Dann wird er Soldat und geht für Großbritannien nach Afrika, wo er die ganze Absurdität und Menschenverachtung des Kolonialsystems zu spüren bekommt. Er kämpft dort mit großem Enthusiasmus, wird verwundet und ausgemustert, weil es genug andere Soldaten ohne Verletzung gibt. Schließlich landet er doch im Bergwerk, wo die Besitzer das Licht abschalten, damit die Arbeiter nicht auf der Uhr sehen, wann Feierabend ist und länger arbeiten.

Tragikomik und Slapstick

Shane Simmons zeichnet ein Leben von einem, der sich wirklich anstrengt und von dessen Einsatz immer nur andere profitieren. Das ist bitter, weil das Leistungsprinzip überhaupt nicht gilt, weil die Macht klar zwischen den Schichten verteilt ist: Es gibt gar keine Chance, das Leben in die Hand zu nehmen.

Und zugleich ist das überspitzt gezeichnet, beispielsweise als Gethers und seine Kollegen im Bergwerk verschüttet sind. Im Glauben, bald zu sterben, unterhalten sie sich darüber, dass sie alles anders machen würden: sich nicht mehr ausbeuten lassen, zur Schule gehen, sich gegen die eigene Frau durchsetzen. Das hat Tragikomik, auch weil die Wünsche immer kleiner werden und sie sich gar nicht viel anderes vorstellen können, als das Leben, das sie führen.

Daneben gibt es einfach nur urkomische Szenen. Zum Beispiel, wenn Roland Gethers in der Hochzeitsnacht mit seiner Frau im Bett liegt und die beiden alles richtig machen wollen. Sprich: Sex, der auch mit den Moralvorstellungen der katholischen Kirche konform geht. Nur hat niemand den beiden erzählt, wie Sex geht. Das ist eine regelrechte Slapstickeinlage.

Strukturanalyse mit dem Humor von Monty Python

Den Comic nur mit Punkten und Dialogen zu erzählen, ist die perfekte Form für diese Geschichte. Auch weil Shane Simmons so immer wieder von der persönlichen Geschichte abstrahieren kann und die Strukturen der Ausbeutung freilegt. Roland Gethers tritt da auch mal aus seiner Rolle und sagt: "Hätte ich mehr Bildung gehabt, dann wäre mein Leben sicher anders verlaufen." Solche Sätze würden in einem Kostümschinken wohl nicht so gut funktionieren. Und gerade dadurch legt Simmons Muster frei, die über die Industrialisierung hinausgehen – denn auch heute gibt es Menschen, die das Gefühl haben, dass immer andere von ihren Anstrengungen profitieren.

Damit ist "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" eine Strukturanalyse der Ausbeutung mit dem Humor von Monty Python.

Andrea Heinze, rbbKultur

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