Jan Bachmann: Der Kaiser im Exil; Montage: rbbKultur
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Comic des Monats - Jan Bachmann: "Der Kaiser im Exil"

Bewertung:

Der Comic-Künstler Jan Bachmann ist Experte für historische Stoffe. Für seine Comics hat er sich in seinen Büchern bereits mit dem Schriftsteller Erich Mühsam oder mit einer der ersten Aussteiger-Kommunen des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt. In seinem aktuellen Comic hat er sich den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. nach seiner Abdankung vorgenommen und eine Abrechnung mit kaisertreuer Geschichtsschreibung vorgelegt.

"Der Kaiser im Exil" ist der rbbKultur Comic des Monats – Andrea Heinze stellt ihn vor.

Jan Bachmann nähert sich dem letzten deutschen Kaiser durch Quellenstudium. Und zwar vor allem durch die Schriften von zwei kaisertreuen Zeitgenossen Wilhelms, die ihn in seinem holländischen Exil begleitet haben: seinem Flügeladjutanten Sigurd von Ilsemann und Norah Bentinck, einer Verwandten des Grafen Bentinck, der Wilhelm in seinem holländischen Exil aufgenommen hat. Für den Erzähltext des Comics hat Jan Bachmann Auszüge aus diesen Quellen übernommen - und übrigens auch den Titel "Der Kaiser im Exil" - unter dem Norah Bentinck ihre Erinnerungen veröffentlicht hat.

Was der Kaiser zum Frühstück aß

Das verrückte an den Erinnerungen: sie beschreiben das Ende des Jahres 1918 – der Kaiser war gerade gestürzt, Europa nach dem Ersten Weltkrieg zerstört, es gab Aufstände und Revolutionen – also eine politisch spannende Zeit. Und Norah Bentinck und Sigurd von Ilsemann erzählen voller Hochachtung nichts anderes als belanglose Alltagsbeobachtungen, also, was der Kaiser zum Frühstück aß oder welche Kleider er beim Spaziergang trug. Genau das interessiert Jan Bachmann: wie unbedeutende Details in einer Weise erzählt werden, als sei das eine große historische Erzählung.

Kaiserliche Inszenierung und Realität im Exil-Land

Etwa wenn Wilhelm sich im Exil als einfacher Mann inszeniert, zu dessen liebster Beschäftigung es gehört, Holz zu hacken – dann zeigt Jan Bachmann, wie immer mehr Flächen des Gastgebers gerodet werden und lässt beiläufig einfließen, dass Wilhelm erstens gar nicht unbedingt selbst zur Säge greift, sondern sein Personal beim Sägen beaufsichtigt. Und dass seinem Gastgeber das eigentlich gar nicht recht ist, dass da sein Wald abgeholzt wird.

Jan Bachmann arbeitet heraus, wo die Brüche zwischen Inszenierung, Überhöhung und Realität liegen. Und treibt das mit seinen Zeichnungen auf die Spitze. Die haben nichts von dem Erhabenen, das die Beschreibungen der Zeitgenossen nahelegen. Im Gegenteil - sie sind in jeder Hinsicht ein Kontrastprogramm. Kräftige Farben, unruhige Striche und immer wieder so verzerrte Perspektiven, dass daran deutlich wird, dass hier die Welt aus den Fugen geraten ist. Und wenn von Ilsemann davon erzählt, wie hübsch die niederländische Landschaft ist und voller wunderschöner Villen, dann zeichnet Jan Bachmann die Straßen voller Hungernder und Krüppel, die aus dem Krieg zurückgekommen sind.

Alles, was der Kaiser tut, führt ins Fiasko

Das liegt mehr als 100 Jahre zurück und ist noch heute interessant. Zum einen, weil die Hohenzollern - also die Nachfahren von Wilhelm II - gerade vom Staat eine Entschädigung fordern, für all die Besitztümer, die sie nach dem Krieg verloren haben. Völlig absurd, meint Jan Bachmann, schließlich seien die Opfer von Wilhelms Politik nicht oder nur unzureichend entschädigt worden. Bachmann meint die Opfer in den deutschen Kolonien und die Soldaten, die im Ersten Weltkrieg verheizt worden seien. In seinem Comic lässt er dazu Norah Bentinck sprechen, die berichtet, wie Wilhelm alles, was von seinem Besitz nicht niet- und nagelfest ist, nach Holland bringen lässt.

Und dann ist die Auseinandersetzung mit Wilhelm zeitgemäß, weil sich gerade Vertreter der AFD und viele Rechtsradikale eben nicht mehr in der Tradition der Nationalsozialisten inszenieren, sondern in der Tradition der Preußen. Der Kaiser wird überhöht – obwohl er vor allem selbstherrlich agiert und alles was er tut ins Fiasko führt – solche Inszenierungen dekonstruiert Jan Bachmann in seinem Comic "Der Kaiser im Exil" auf sehr erhellende – und auch sehr komische Weise. Großartig!

Andrea Heinze, rbbKultur

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