Frenk Meeuwsen: Jahr Null; Montage: rbbKultur
Avant Verlag
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Comic des Monats - Frenk Meeuwsen: "Jahr Null"

Bewertung:

Eigentlich wollte der niederländische Comickünstler Frenk Meeuwsen nie ein Kind haben. Erst mit seiner Lebenspartnerin Zaza ändert sich das – da ist Meeuwsen bereits 50 Jahre alt. In seinem autobiografischen Comic "Jahr Null" erzählt er davon, wie er sich mit dem Gedanken an ein eigenes Kind anfreundet. Andrea Heinze stellt den Comic vor.

Frenk Meeuwsen ist schon häufiger von seinen Freundinnen verlassen worden, weil er keine Familie gründen wollte. Davon erzählt er zu Beginn des Comics: Wie zwei Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, die einfach nicht zusammengehen. Auch als seine Freundin Zaza sich ein Kind wünscht, regt sich bei ihm zunächst Ablehnung – und die Angst, wieder verlassen zu werden. Doch dieses Mal stellt sich noch ein weiteres Gefühl ein. Frenk Meeuwsen liebt Zaza so sehr, dass er ihr eigentlich den Kinderwunsch erfüllen möchte.

Deshalb bewegt er den Gedanken an ein eigenes Kind doch in seinem Kopf, fremdelt damit – und kann sich doch mit einzelnen Aspekten anfreunden. Und je mehr er sich damit beschäftigt, desto mehr macht er sich diesen Gedanken zueigen – und ist dann irgendwann dazu bereit, Vater zu werden. Meeuwsen macht mit diesem Comic den Prozess nachvollziehbar, wie er den Gedanken an ein Kind annimmt und für sich passend findet, obwohl er das vorher abgelehnt hat.

Der Comic erzählt die Geschichte vom ersten Gedanken an ein Kind bis kurz nach der Geburt. Das ist ungefähr die Zeit, die Frenk Meeuwsen braucht, um die Vaterrolle für sich anzunehmen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit seinen Ängsten. Er fürchtet, dass er mit seinen 50 Jahren nur noch lahme Spermien hat, die Erbkrankheiten beim Kind hervorrufen könnten.

Diese Ängste zeichnet er mit expressivem Strich und unterlegt die Zeichnungen mit einer rosa Farbe, die eher giftig als niedlich wirkt. Die Szenen, die Meeuwsen mit seiner Freundin zeichnet, sind dagegen in warmen Farben gehalten. Das schafft eine ungeheure Vertrautheit zwischen den beiden, auch wenn da nicht immer alles gut läuft: Wenn Zaza übel wird und sie sich übergeben muss, wird Frenk auch übel und er ist ganz hilflos. Vor allem, weil alle möglichen Menschen ihm zum Teil ungefragt Ratschläge geben, die so gar nicht mit den Bedürfnissen seiner Freundin übereinstimmen. Die professionellen Helfer wie Hebammen oder Ärztinnen übergehen ihn dagegen regelmäßig und sprechen nur seine Freundin an, so dass Frenk sich immer wieder alleingelassen und überflüssig vorkommt.

Und dann träumt Frenk immer wieder, dass er auf sein Motorrad steigt und einfach wegfährt, sein Freiheitsbedürfnis auslebt. Diese Bilder sind in dunklen Blau- und Schwarz-Tönen gehalten und die Silhouetten mit weißen Linien gezeichnet. Das vermittelt eine unglaubliche Weite. In einer dieser Sequenzen schwebt Frenk auf seinem Motorrad tatsächlich bis in die Weiten des Weltalls, lässt Zaza und das Kind auf der Erde zurück und wirkt dabei unheimlich einsam. Mit solchen Bildern scheint Frenk Meeuwsen das Verhältnis von Freiheit und Bindung ausloten zu wollen.

Das verrückte dabei: Trotz all der unterschiedlichen Stile wirkt der Comic wie aus einem Guss. Das liegt daran, weil jeder dieser Stile einen eigenen emotionalen Zustand ausdrückt und durch die Unterschiedlichkeit deutlich wird, dass Frenk während der Schwangerschaft seiner Freundin ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Der Comic erzählt so differenziert vom Prozess des Vaterwerdens, dass es nicht verwundert, dass Frenk am Ende glücklich seinen Sohn durch die Straßen schiebt und sich freut, dass der auf das Geräusch von Motorrädern mit glücklichem Glucksen reagiert.

Andrea Heinze, rbbKultur

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