Stéphane Heuet, Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Band 1); Montage: rbbKultur
Knesebeck Verlag
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Der Literaturklassiker als Graphic Novel - Stéphane Heuet, Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Bewertung:

An der Lektüre von Marcel Prousts mehr als 4.000 Seiten umfassenden Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sind schon viele gescheitert. Der französische Werbegrafiker Stéphane Heuet hat aus seiner Not eine Tugend gemacht: 20 Jahre nach dem ersten gescheiterten Leseversuch war er so begeistert von dem Roman, dass er ihn als Comic adaptiert hat – kongenial.

Natürlich nimmt die berühmte Madelaine zu Beginn des Comics eine zentrale Rolle ein. Wir sehen, wie der Ich-Erzähler beim Besuch bei der alten Mutter zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Madelaine zum Tee genießt. Und wie das Erinnerungen bei ihm auslöst. Da kommen Bilder aus der Kindheit: von der kranken Tante, die ihre Madelaines immer in den Tee getunkt hat und beides auch ihrem Neffen serviert hat. Bilder vom Dörfchen Combray mit seinem Marktplatz und den Herrenhäusern, wo der Protagonist als Kind seine Sommerferien verbrachte.

All diese Erinnerungen werden durchweht vom Duft des Tees, in den ein paar Bilder vorher der erwachsene Protagonist die Madelaine getunkt hat, der Duft, der seine Nase umspielte und zusammen mit dem Geruch der Madelaines ein wohliges Glücksgefühl hervorgerufen hat.

Sinnliches Erleben

Stépane Heuet zeichnet den Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", weil er Leser*innen einen leichteren Zugang zu dem Roman schaffen will. Und weil dieser Roman nicht durch Handlung vorangetrieben wird, sondern durch sinnliche Erfahrungen, spricht auch dieser Comic vor allem das sinnliche Erleben an und weckt Erinnerungen und Gefühle, die mit sinnlichen Erfahrungen verbunden sind.

Das wird schon auf der ersten Seite deutlich, auf der der Protagonist erzählt, wie ihm im Halbschlaf Erinnerungsfetzen kommen. In den Zeichnungen von Heuet überlagern sich die Bilder vom Gesicht des Protagonisten und dem Schlafzimmer mit denen von anderen Orten und Menschen, die leicht verkrümmt dargestellt sind: So, als würden sie flüchtig wie eine Erinnerung ins Bewusstsein kommen – und wären dann schon wieder weg.

Klare Linien, flächige Farben

Noch raffinierter inszeniert Stéphane Heuet die Beziehung von sinnlichen Eindrücken und Erinnerungen und Gefühlen in den Zeichnungen zum Band "Im Schatten junger Mädchenblüte" – dem 2. Teil des Romans "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Da ist der Protagonist mit seiner Großmutter im Sommer in einem Badeort in der Normandie – und hier sieht man, dass Heuet ein Fan von Hergés Comic "Tim und Struppi" ist, denn er greift dessen Stil der Ligne Claire meisterhaft auf.

Heuet zeichnet die Landschaften aufgeräumt, mit klaren Linien und flächigen Farben, in denen sich kein Strich verirrt, der auch nur einen Windhauch andeuten würde. In diesen Bildern passiert nichts – sie sind einfach. Und vermitteln das Gefühl der Weite und des Müßiggangs, dieses süße Phlegma, in dem die Gedanken schweißen können, Erinnerungen kommen oder Ideen und Erkenntnisse.

Genau recherchiert

Die mondänen Strandhotels und gotischen Kirchen zeichnet Heuet dagegen voller überbordender Ornamente und Details, so dass der Protagonist und andere mit ihm staunend davor stehen bleiben – und kein Raum mehr bleibt für eigene Gedanken. Die Orte hat Stéphane Heuet genau recherchiert. Es sind Orte, an denen auch Proust häufig war und Heuet zeichnet die sehr genau nach – setzt also dieser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit dem Comic auch ein Denkmal.

Dabei nimmt Heuet auch die Auswüchse der dekadenten Gesellschaft heraus, die Proust in seinem Roman beschreibt. Jeder scheint seinen eigenen Dünkel zu pflegen: Der Protagonist leidet zum Beispiel darunter, dass die Adeligen im Strandhotel ihn keines Blickes würdigen und selbst das Hotelpersonal ihm deutlich macht, dass er in der Hierarchie der Gäste ganz unten steht. Während er selbst jeden missachtet, der nicht annähernd so gebildet ist wie er selbst.

Stéphane Heuet zeichnet das in kleinen episodischen Beobachtungen, die wie bei Proust wie ein Gedankenstrom mal in die eine, mal in die andere Richtung fließen. Und die in ihrer Gesamtheit zeigen, wie all diese Menschen die ganze Zeit damit beschäftigt sind, um ihren Status zu ringen – und dabei nichts Wesentliches schaffen.

Ein Vergnügen

Es ist ein Vergnügen, diese Comic-Adaption von Stéphane Heuet parallel zur Lesung des Romans auf rbbKultur zu lesen. Weil der Roman das sinnliche Erleben zum Thema macht und dieses Sinnliche durch die Lesung und den Comic auf ganz unterschiedlichen Ebenen inszeniert wird: durch ausgefeilte Sprache und einen Vortrag, der den Text strukturiert auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite durch die Zeichnungen des Comics, die die gleichen sinnlichen Erfahrungen kunstvoll ins Bild setzen.

Eine umfassendere sinnliche Rezeption kann es kaum geben.

Andrea Heinze, rbbKultur

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