Hugo Pratt, Bastien Vivès, Martin Quenehen: Corto Maltese - Schwarzer Ozean © Schreiber&Leser
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Comic des Monats - "Corto Maltese – Schwarzer Ozean"

Bewertung:

Diese Comic-Serie aus den 60er Jahren hatte unter Intellektuellen zahlreiche Fans: Corto Maltese ist ein kulturbeflissener Freigeist, ein Kapitän ohne Schiff, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts um die Welt treiben lässt, in die Weltgeschichte verwickelt wird, immer neutral bleibt und berühmte Zeitgenossen trifft. Ursprünglich stammt die Serie vom Italiener Hugo Pratt. Jetzt ist ein Hommage-Band erschienen, der die Handlung ins 21. Jahrhundert verlegt – der Comic des Monats bei rbbKultur.

Corto Maltese – Schwarzer Ozean; © schreiber & leser
Bild: schreiber & leser

Das Abenteuer beginnt furios, Corto Maltese ist an einem Piratenüberfall beteiligt. Mit einem bewaffneten Schnellboot überfällt er mit anderen Piraten eine Luxusyacht. Als die anderen einen Menschen erschießen, steigt er aus dem Unternehmen aus, stiehlt das Schnellboot und nimmt den Mann mit, auf den die Piraten es abgesehen hatten. So kennt man Corto Maltese aus dem Original: Gesetze sind dem Seemann egal, Corto Maltese handelt immer pragmatisch und es gibt eine ethische Grenze, die er nie übertritt: Er tötet nicht für Geld und unterstützt solche Unternehmungen nicht.

Verwegener Blick, Ohrring und lange Koteletten

Und noch etwas ist typisch für Corto Maltese: Er lässt sich treiben. Und so wird der Mann, den er auf der Luxusyacht gerettet hat, zum Ausgangspunkt für das neue Abenteuer. Der Mann ist ein Japaner, der zur Terrorgruppe Black Ocean gehört – eine Gruppe von mittlerweile alten Männern, die nicht damit einverstanden sind, dass Japan nach dem 2. Weltkrieg den Friedensvertrag der US-Amerikaner akzeptiert hat – und die deshalb auch nach Jahrzehnten die japanische Regierung stürzen wollen.

Corto Maltese – Schwarzer Ozean; © schreiber & leser
Bild: schreiber & leser

Martin Quenehen verlegt die Handlung des Comics ins 21. Jahrhundert – und Bastien Vives zeichnet Corto Maltese als zeitgenössischen Weltenbummler mit Cargojacke und Basecap statt Kapitänsmantel. Das macht er mit dem typischen fließenden Strich, für den Vives berühmt wurde – und der ganz anders ist als das kantige Original. Und trotzdem erkennt man Corto Maltese sofort wieder: an seinem verwegenen Blick, dem Ohrring und den langen Koteletten.

Und Bastien Vives zeichnet die Szenen so rasant, wie es Hugo Pratt im Original getan hat. Beim Besuch im Kibuki-Theater, in dem der Japaner von der Luxusyacht getötet wird, fliegen Kostüme, Masken und Schwerter so virtuos durch die Luft wie in einem Martial Arts Film.

Schön wie James Bond

In Sachen Action, Schönheit und auch erotischen Abenteuern steht auch dieser zeitgenössische Corto Maltese einem James Bond in nichts nach – und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Corto Maltese lässt sich nicht einmal für eine gute Sache einspannen, sondern bleibt neutral. Das war schon im ersten Band, die "Südseeballade" so, als Corto Maltese in der Kolonie Deutsch-Neuguinea in die Vorbereitungen der deutschen und britischen Marine zum 1. Weltkrieg involviert wird.

In dem Hommage-Band "Schwarzer Ozean" wird Corto Maltese den US-Außenminister Colin Powel treffen, kurz nach dem Anschlag vom 11. September. Auch hier wird sich Corto Maltese nicht in die Weltpolitik einmischen und bleibt gerade dadurch – trotz all seiner Gesetzesbrüche – menschlich.

Berühmte Vielschichtigkeit

Bastien Vives ist ein begnadeter Zeichner – dem die Zusammenarbeit mit dem Historiker und Journalisten Martin Quenehen guttut. Denn der sorgt für die Vielschichtigkeit, für die die Klassiker-Bände des Corto Maltese berühmt sind: Da werden aktuelle Problemlagen wie die Überfischung der Meere oder Aktivist*innengruppen wie Ökofeministinnen ebenso eingebaut, wie eine historisch-kulturelle Ebene. Es ist das historische Buch "Wahrhaftige Kommentare zum Reich der Inka", das Corto Maltese bis nach Peru führt.

So macht auch dieser Band klar: Die Nachrichten werden von der Weltpolitik bestimmt – und zugleich ist die Welt so viel schöner, schrecklicher, kulturell reicher.

Andrea Heinze, rbbKultur

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