Elias Ericson: Diana & Charlie; © Luftschacht Verlag
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Comic des Monats - Elias Ericson: Diana & Charlie

Bewertung:

Vor 10 Jahren hat der Schwede Elias Ericson seinen ersten Comic über Transmenschen veröffentlicht und war damit ein Wegbereiter für dieses Thema. In Deutschland ist gerade sein neuer Comic "Diana & Charlie" herausgekommen, in dem Ericson die Coming-of-Age-Geschichte von zwei queeren Teenagern erzählt. Das ist so berührend und verstörend, dass es der rbbKultur Comic des Monats ist.

Die Pubertät ist für jeden Menschen eine herausfordernde Zeit, weil sich der Körper verändert und mit ihm das Gehirn. Beides führt zu Verunsicherung und emotionalen Ausnahmezuständen. Und dann soll man auch noch seinen Platz in der Welt finden. Für Trans*Menschen ist die Pubertät besonders schwer, weil es kaum Vorbilder gibt.

Für Diana ist klar, dass sie ein Mädchen mit dem Körper eines Jungen ist. Ihr Körper wird durch die Pubertät aber immer männlicher, weil ihr Vater ihr keine Östrogen-Therapie erlaubt – daran verzweifelt sie und hasst diesen Körper mit jedem Tag mehr.

Für Charlie ist ihr Geschlecht nicht so eindeutig. Sie fühlt sich auch eher asexuell, hat sich noch nie verliebt. Auch das ist nicht einfach in einem Umfeld, in dem die meisten Teenager gerade ihre erste Liebe erleben. Dazu kommt, dass Charlie klein, dick und haarig ist und damit so gar nicht dem Schönheitsideal entspricht – also auch in dieser Hinsicht nicht passt. Auch das führt zu Selbsthass.

Ablehnung und Achtlosigkeit

Diana und Charlie sind befreundet – das ist ein großer Gewinn für beide, weil sie einander ähnlich sind und verstehen können. Zugleich führt das immer wieder zu Konflikten, vor allem weil Charlie Diana kaum Raum lässt. Der Kontrast zwischen dem eigenen Empfinden und dem Leben der anderen ist so groß, dass es kaum möglich scheint, in dieser Welt mit der eigenen Identität glücklich zu werden.

Und: Es gibt immer wieder Ablehnung und Achtlosigkeit. Diana wird von ihrem Vater absichtlich mit ihrem Geburtsnamen Dante angesprochen – und ihr langjähriger Kumpel spricht sie immer wieder versehentlich falsch an. An dieser Stelle zeigt Elias Ericson, wie verletzend selbst solche Achtlosigkeiten sind: sie sind ein weiterer Beleg dafür, dass die Identität, mit der Diana so sehr ringt, von den Anderen nicht ernst genommen wird.

Leben abseits des Mainstreams

Elias Ericson macht die Not von queeren Menschen nachvollziehbar und er zeigt, zu welchen Abgründen das führen kann. Diana und Charly erleben nur Leichtigkeit, wenn sie exzessiv feiern – so exzessiv, dass sie am nächsten Morgen oft nicht mehr wissen, was passiert ist. Charlie kann sich vor lauter Kummer oft nur noch spüren, wenn sie ihren Körper mit einer Rasierklinge ritzt.

Das ist so eindrücklich gezeichnet, dass es beim Lesen weh tut, zum Beispiel, wenn Charlie mit ihren frischen Wunden Duschen geht. Der Comic zeigt die Abgründe, die ein Leben abseits des Mainstreams mit sich bringen kann – das ist mitunter sehr verstörend.

"Diana & Charlie" ist mit dem rüden Strich eines Independent-Comics gezeichnet. Das passt hervorragend, denn in Independent-Comics gibt es immer wieder exzessive Partys und Menschen, die sich dem Mainstream nicht zugehörig fühlen. Elias Ericson fokussiert aber stärker auf die Nöte seiner queeren Figuren. So lässt sich Diana von einem Mann abschleppen, obwohl sie gar nicht auf Männer steht und sich danach furchtbar fühlt. Und trotzdem tut sie es immer wieder, nur für den kleinen Moment, in dem sie spürt, dass sie begehrt wird.

Momente voller Hoffnung

Der Comic ist in vielen kleinen, durchschraffierten Panels erzählt, die so unübersichtlich sind, wie das Leben von Diana und Charlie. Dazwischen gibt es immer wieder Bilder, die sich über eine ganze Seite erstrecken. Die sind sehr schön oder auch ausdrucksstark. Elias Ericson zeigt damit die Stimmung von Charlie und Diana. Zum Beispiel, wenn Diana verliebt ist – oder wenn Charlie und Diana nach einem Streit wieder zueinander finden und einander weiterbringen. Das sind Momente voller Hoffnung in diesem Comic.

"Diana & Charlie" ist ein starker Empowerment-Comic für queere Menschen, gerade weil er auch die Abgründe von Diana und Charlie zeigt und wie die beiden dennoch stetig wachsen. Und es ist ein starker Comic für alle Menschen, weil "Diana & Charlie" die Realität von queeren Menschen zeigt und so Verständnis bringen kann – für queere Lebenswege mit all ihren Höhen und Tiefen.

Andrea Heinze, rbbKultur

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