Grit Poppe: Weggesperrt; Montage: rbbKultur
Dressler Verlag
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Ab 14 Jahren - Grit Poppe: "Weggesperrt"

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Was dort passierte, war lange Zeit ein Tabu: Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ist im Dressler Verlag die Neuauflage eines Jugendromans über Gewalt und Tyrannei in den Jugendwerkhöfen der DDR erschienen.

In ihrem Roman "Weggesperrt" erzählt Grit Poppe die Geschichte von Anja, die in Torgau, einem der schlimmsten dieser Jugendwerkhöfe landet, nachdem ihre Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hat. Im Herbst 1988, ein knappes Jahr vor dem Mauerfall, beginnt Anjas Geschichte. Kurz nachdem ihre Mutter ihr vom Ausreiseantrag, werden beide mitten in der Nacht von der Stasi abgeholt. Ihre Mutter kommt ins Gefängnis, Anja wird in ein Durchgangsheim der Jugendhilfe gebracht. Ohne Erklärung, warum und wann sie ihre Mutter wieder sieht.

Anjas normales Leben ist von einem Tag auf den anderen vorbei

Das Durchgangsheim ist nur eine Übergangsstation für Anja. Lange nicht so schlimm wie das, was noch kommt. Aber ihr normales Leben ist von einem Tag auf den anderen vorbei. Der Alltag im Heim ist von Vorschriften, monotoner Arbeit und der Willkür der Erzieherinnen bestimmt. Wer gegen eine der vielen Regeln verstößt, muss zur Strafe die Gänge putzen oder kommt im schlimmsten Fall in den Arrest. Das heißt, er wird in eine Zelle in den Keller gesperrt, mit einer Matratze zum Schlafen und einem Eimer als Toilettenersatz.

Das passiert auch Anja, als sie einem Jungen näher kommt als erlaubt. Als sie aus dem Arrest rauskommt, wird sie in einen Jugendwerkhof gebracht. Hier soll sie zu einem vollwertigen Mitglied der sozialistischen Gesellschaft erzogen werden.

Es geht darum, die Jugendlichen zu brechen

Im Jugendwerkhof wird die kleinste Abweichung von der Norm bestraft. Es geht darum, die Jugendlichen zu brechen. Bei Anja gelingt das zuerst nicht. Ein Gedichtband von Rainer Maria Rilke, in dem sie während der Einzelhaft immer wieder liest, hilft ihr gegen die Angst und die Einsamkeit. Trotzdem stellt sie sich natürlich immer wieder die Frage, warum ausgerechnet sie eingesperrt worden ist und wann sie endlich wieder rauskommt.

Das Wort "Ich" existiert in Torgau nicht

Eine Erzieherin quält Anja besonders. Als endlich ein Brief der Mutter kommt und die Erzieherin ihr den Brief nicht gibt, rastet Anja aus und wird zur Strafe in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verlegt. Hier werden die Jugendlichen wie Schwerverbrecher behandelt. Als sie bei der Ankunft einen Satz mit "Ich" beginnt, tritt ihr die Erzieherin vors Schienbein und sagt: "Das Wort 'Ich' existiert hier nicht. Du bist hier in Torgau! Deine Zeit des Widerstands ist ab heute vorbei."

Geschichte wird auf eine spannende Art vermittelt

Das Buch ist oft sehr bedrückend. Auch wenn Anja am Ende die Flucht aus Torgau gelingt und sie ihre Mutter wieder sieht, bleibt die Frage, was die Zeit in Torgau in der Seele eines so jungen Menschen angerichtet hat. Es ist aber gleichzeitig auch ein sehr wichtiges Buch. Grit Poppe gelingt es, auf eine sehr spannende und packende Art Geschichte zu vermitteln. Was in diesen Jugendwerkhöfen passiert ist, war lange Zeit ein Tabu. Die Jugendlichen, die hier eingesperrt waren, mussten nach ihrer Entlassung unterschreiben, dass sie nicht über darüber sprechen.

Die Geschichte von Anja ist zwar fiktiv, aber Grit Poppe hat sehr genau für das Buch recherchiert und mit vielen Zeitzeugen gesprochen, die Ähnliches erlebt haben wie ihre Protagonistin. Einige von diesen Zeitzeugeninterviews sind in der Neuauflage abgedruckt. Das macht die Geschichte umso authentischer.

Sarah Hartl, rbbKultur

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