Elisabeth Steinkellner: Papierklavier © Beltz & Gelberg
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Jugendbuch | ab 15 Jahren - Elisabeth Steinkellner: "Papierklavier"

Bewertung:

Elisabeth Steinkellners Coming-of-Age-Roman "Papierklavier" ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert. Eigentlich hätte es auch mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet werden sollen. Doch der Ständige Rat der katholischen Deutschen Bischofskonferenz hat dagegen sein Veto eingelegt und damit für viel Kritik gesorgt.

Maia ist 16 und lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter und zwei jüngeren Schwestern in einer viel zu kleinen Wohnung. Die drei Mädchen haben drei verschiedene Väter, von denen sich keiner um seine Tochter kümmert. Das Geld ist knapp, die Mutter oft zu erschöpft, um ihrer Mutterrolle gerecht zu werden. Außerdem schlägt sich Maia mit den üblichen Unsicherheiten von Teenagern herum, sie hadert mit ihrem Gewicht und fragt sich, ob der coole Typ mit dem Chamäleontattoo nochmal in der Saftbar auftaucht, in der Maia neben der Schule jobbt.

Elisabeth Steinkellner lässt Maia ihre Geschichte selbst erzählen. In kurzen, knappen Sätzen und lässigem Tonfall schreibt sie ihre Erlebnisse und Gedanken in das Notizbuch, das ihr Oma Sieglinde geschenkt hat. Keine echte Oma, sondern eine ältere Nachbarin, die der Familie immer mal wieder unter die Arme greift. Doch dann stirbt die eigentlich noch ganz rüstige Ersatzoma plötzlich und für Maia und ihre Schwestern wird alles noch viel schwerer als es ohnehin schon ist.

Knappe Begründung lässt Raum für Spekulationen

Was an dieser Geschichte dem Ständigen Rat der Bischofskonferenz so missfallen hat, dass er sein Veto gegen die Entscheidung seiner Jury eingelegt hat, die "Papierklavier" mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis auszeichnen wollten, ist nur schwer nachzuvollziehen. Die offizielle Begründung lautet schlicht: das Buch von Elisabeth entspreche nicht hinreichend den Kriterien des Preises. Die sehen vor, dass die deutschsprachigen Bücher beispielhaft und altersgemäß religiöse Erfahrungen vermitteln, Glaubenswissen erschließen und christliche Lebenshaltungen verdeutlichen.

Was das genau bedeutet, ist in den vergangenen Jahren eher weit ausgelegt worden. Und auch in diesem Jahr hat die Jury, die übrigens auch aus Vertreterinnen und Vertretern der Kirche oder katholischen Institutionen besteht, offensichtlich gefunden, dass Elisabeth Steinkellners Roman die Kriterien erfüllt.

Warum der Ständige Rat der Bischofskonferenz das anders sieht, hat er nicht weiter begründet und lässt damit Raum für Spekulationen. Es wurde zum Beispiel vermutet, dass sich die Bischöfe an einem zu freien Umgang mit dem Thema Sexualität stören oder an einer Nebenfigur, die transgender ist. Der Ständige Rat hat das zwar dementiert, aber auch keinen anderen Grund für sein Veto genannt.

Verpasste Chance

Damit hat er nicht nur für Empörung bei mehr als 200 Schriftstellerinnen darunter Kirsten Boie, Nora Gomringer und Paul Maar gesorgt, die ihm in einem offenen Brief vorwerfen der Glaubwürdigkeit ihres Preises zu schaden und sich von den Realitäten von Kindern und Jugendlichen zu entfernen. Der Ständige Rat hat auch die Chance verpasst, ein tolles Buch mit einer starken und empathischen Protagonistin auszuzeichnen.

Text und Bild ergänzen sich perfekt

Maia beschreibt in ihrem Tagebuch alltägliche Szenen, denkt aber auch über die ganz großen Themen nach: Transsexualität, Armut, Bodyshaming, Tod und die Frage, was eigentlich Glück bedeutet. Maia drückt sich dabei nicht nur mit Worten aus sondern auch mit Bildern, denn Zeichnen ist ihre große Leidenschaft. Sie träumt davon, mit ihren Zeichnungen genug Geld zu verdienen, um ihrer kleinen Schwester die Klavierstunden zu bezahlen, die sie sich so dringend wünscht. Durch den Tod der Ersatzoma kann die nämlich nicht mehr auf dem Klavier der Nachbarin spielen und für ein eigenes reicht weder der Platz in der Wohnung noch das Geld. Stattdessen hat sie sich aus schwarz-weißen Papierstreifen das Papierklavier gebastelt, das dem Buch seinen Namen gibt. Die Zeichnungen der Berliner Illustratorin Anna Gusella in schwarz, weiß und türkis nehmen in "Papierklavier" genauso viel Raum ein wie Elisabeth Steinkellners Text und ergänzen ihn perfekt. Mal beschreibt der Text, was Maia denkt und fühlt, mal die Bilder.

Kleine Dosen Alltagsglück

"Papierklavier" ist ein schmales Buch mit nur 140 Seiten, die sich wie im Flug lesen, mich aber noch lange beschäftigt haben. Vor allem Maia, weil sie sich nicht unterkriegen lässt trotz der Umstände, in denen sie aufwächst, und weil sie eine so kluge Einstellung zum Leben hat. An einer Stelle schreibt sie in ihr Tagebuch:

"Entweder du hoffst auf das ganz große Glück, das plötzlich und schwallartig in Badewannenmengen auf dich herabfällt (ohne zu wissen, ob es jemals kommt), oder du sammelst täglich die kleinen Dosen Alltagsglück, die oft nicht mehr als einen Fingerhut füllen, aber alle zusammen mit der Zeit zu einem kleinen See anwachsen, in den du kopfüber springen kannst."

Weise Worte, die mich mit dem schönen Gefühl zurückgelassen haben, dass diese Maia schon klarkommen wird.

Sarah Hartl, rbbKultur