Nora Hoch: Wir holen uns die Nacht zurück © dtv
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Jugendroman | ab 14 Jahren - Nora Hoch: "Wir holen uns die Nacht zurück"

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Kann man jemanden retten, der nicht gerettet werden will? Das ist die Frage, die im Zentrum der Geschichte von Ilvy und Kaja steht, über die die Berliner Dramaturgin und Theaterpädagogin Nora Hoch in ihrem zweiten Jugendbuch "Wir holen uns die Nacht zurück" schreibt.

Die beiden Mädchen sind beste Freundinnen, solange sie denken können. Sie gehen zusammen zur Schule und wohnen im selben Haus. Kajas Kinderzimmer im Vorderhaus liegt genau gegenüber von Ilvys im Hinterhaus und wenn die beiden nicht sowieso zusammen sind, sitzen sie auf ihren Fensterbrettern und unterhalten sich in ihrer "Fenstersprache" – mit Zeichen, die sie im Laufe der Jahre erfunden haben und die außer ihnen niemand versteht.

Sie sind die Art von Freundinnen, "die einander alles anvertrauen, alles überstehen, alles gemeinsam erleben, alles miteinander abgleichen, alles füreinander ertragen". Und bei "alles füreinander ertragen" wird einem als Leser:in das erste Mal mulmig.

Kaja fängt an, Alkohol und Drogen auszuprobieren

Nora Hochs Roman beginnt in den Sommerferien vor dem letzten Schuljahr und auch die verbringen die Freundinnen zusammen. Doch manchmal erkennt Ilvy ihre Freundin nicht mehr wieder. Sie war schon als Kind immer ein bisschen mutiger als Ilvy und hat ihre Freundin mitgerissen. "Ohne Kaja würde ich die besten Momente in meinem Leben verpassen. Sie würden nicht zustande kommen oder einfach an mir vorbeiziehen. Die schlimmsten allerdings genauso."

"Ohne Kaja würde ich die besten Momente in meinem Leben verpassen. Sie würden nicht zustande kommen oder einfach an mir vorbeiziehen. Die schlimmsten allerdings genauso."

Denn Kaja fängt an, Alkohol und Drogen auszuprobieren und hat das bald nicht mehr unter Kontrolle. Sie wird immer leichtsinniger und bringt sich damit in Gefahr. Nach einer gemeinsamem Disco-Nacht ist sie plötzlich verschwunden. Und Ilvy, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, macht sich auf die Suche ihr.

Reise in die Vergangenheit

"Wenn man einander verliert, dann geht man zurück an den Ort, an dem man sich zuletzt gesehen hat." Aber wo dieser Ort ist und wann sie und Kaja sich zuletzt wirklich gesehen und auch verstanden haben, ist gar nicht so einfach zu sagen.

Und so reist Ilvy in Gedanken in die Vergangenheit, denn ihr wird klar, dass sie ihre Freundin eigentlich schon viel früher als in dieser Nacht verloren hat. Sie klappert die verschiedensten Orte ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend ab und Nora Hoch erzählt in Rückblenden, was sich hier abgespielt hat. Und als Leser:in versteht man nach und nach, was mit Kaja passiert ist und wie hilflos ihre beste Freundin dabei oft zusehen musste.

Einfühlsam und authentisch

Nora Hoch schreibt über schwierige Themen, ohne dass ihre Bücher deprimierend sind. Während es in ihrem Debütroman "Das Salzwasserjahr" um Depressionen ging, sind es diesmal Sucht und schwierige Familienverhältnisse. Aber es gibt in beiden Büchern auch viel Leichtigkeit. Es ist beeindruckend, wie einfühlsam und authentisch sie die Gefühlswelt von Teenagern beschreiben kann. Vor allem die von Ilvy. Man kann nachfühlen, wie sie um die manchmal viel zu enge Freundschaft mit Kaja ringt, wie sie versucht, die Freundin zu retten und dabei auch falsche Entscheidungen trifft, indem sie auf Hilfe von Dritten verzichtet, weil sie glaubt, alles alleine regeln zu können. Und wie sehr sie aufpassen muss, sich bei ihren Rettungsversuchen nicht irgendwann selbst zu verlieren.

Nora Hoch schafft es, dass man sich beim Lesen nochmal in diese Zeit zurückversetzen kann, in der man alles so intensiv erlebt wie nie wieder danach. Ein tolles Buch!

Sarah Hartl, rbbKultur