Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn; Montage: rbbKultur
Bild: Suhrkamp Verlag

Empfehlungen der unabhängigen Jury - Sachbücher des Monats August 2022

Eine Weltgeschichte der Flüsse, Empfehlungen eines Verhaltensökonomen, wie wir bessere Menschen sein können, ein Buch über das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld und eine Beschreibung der neuen Politikergeneration in Deutschland - vier von zehn Sachbüchern des Monats August, ausgewählt von 24 namhaften Jurorinnen und Juroren, präsentiert von rbbKultur.

Seit Jahren geistert das Wort "Narrativ“ durch unsere Medien; auch Politiker benutzen es gerne, um den Zusammenhang von Geschehnissen 'lesbar‘, d.h. verstehbar und nachvollziehbar zu machen. Es ist freilich mehr als ein Modewort, denn tatsächlich leistet das "Narrativ" etwas, was reine Sachaufzählung wohl eher nicht schafft: die Zusammenschau komplexer Sachverhalte in erklärbarer Gestalt.

Ein Narrativ hat bestenfalls eine Happy End-Funktion, es belohnt uns mit Emotionen. Wer aber nun glaubt, das Narrativ sei eine Art rhetorischen Kniffs, der täuscht sich. Denn tatsächlich scheint es eine neuronale Struktur zu geben, die "Das narrative Gehirn“ hervorbringt.

Der Kognitionswissenschaftler und Germanist an der Indiana University in Bloomington (USA), Fritz Breithaupt, zeigt uns, in welch komplexen Zusammenhängen wir uns befinden, wenn wir unseren Lebensgewohnheiten nachgehen, wenn wir miteinander kommunizieren, wenn wir uns die Welt, in der wir leben, durch Geschichten, Erzählungen, Stories erklären. Überall baut sich narrative Spannung auf und löst sich und verbindet sich mit Emotionen wie Glück oder Unglück, Freude oder Leid. Und nicht zuletzt befähigt uns die narrative Struktur unseres Gehirns zum Wechsel der Perspektiven und ist damit eine Art Lebenshilfe beim Umgang miteinander.

Geschichte des Instituts von Magnus Hirschfeld

Perspektivwechsel, das könnte auch das Stichwort sein, das seinerzeit Magnus Hirschfeld dazu bewogen hat, sich auf das Neuland der Sexualwissenschaft zu begeben. 1919 eröffnete er sein Institut am Berliner Tiergarten und schuf damit, wie seinerzeit die Zeitung Vorwärts schrieb, eine Einrichtung, die "als Forschungs- Lehr-, Heil- und Zufluchtsstätte“ in der ganzen Welt einmalig war.

Bis ins kleineste Detail hat der Medizinhistoriker Rainer Herrn Auf- und Niedergang dieses Instituts und den mit ihm verbundenen Kampf nachgezeichnet. Es ging ja, insbesondere im Hinblick auf die Homosexualität, nicht nur um den Abbau von gewaltigen Vorurteilen in der Gesellschaft, sondern um etwas Grundlegenderes: "Die enge Verbindung von Sexualwissenschaft und Sexualreform". (S. 48) Hierfür hat Hirschfeld gekämpft – und wie wir wissen, ist dieser Kampf in manchen Aspekten immer noch nicht vorbei.

Wiederentdecktes Werk zum "Phantom Afrika"

Wir blicken immer öfter und immer genauer auf diese Welt mit fremden Augen, d.h. nicht eurozentrisch, sondern global oder aus der Perspektive einzelner, nicht europäischer Kulturen. Und so werden auch Bücher wieder aktuell, die vor vielen Jahren erschienen sind, aber jetzt dazu anregen, neu und mit einem größeren Verständnis gelesen zu werden, so z.B. „Phantom Afrika“ des französischen Ethnologen Michel Leiris. Die Wiederentdeckung dieses Werkes aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist umso bedeutender, als die Wahrnehmung Afrikas als eines oft vernachlässigten und doch immer wichtiger werdenden Kontinents endlich zunimmt.

Leiris, der "Kronzeuge kolonialer Raubkunst" (Verlag), hat seine Reise nach Afrika von Dakar bis Djibouti in den Jahren 1931 - 1933 tagebuchartig aufgezeichnet und akribisch dokumentiert. So werden wir Zeugen der bemerkenswerten Verwandlung, die Leiris während dieser Reise durchmacht - vom Ethnologen hin zum Kritiker des Kolonialismus (vgl. S. 52, Brief an Zette v. 11. Juni 1931). Dazu gehört auch, dass Leiris den kalten Blick des unbeteiligten Zuschauers einnimmt und nicht den schöngefärbten jener Ethnologen, die in den Afrikanern die "edlen Wilden" sehen wollten: "Mehr und mehr ekelt mich das Spektakel der Weißen, das der von ihnen verdorbenen Schwarzen" (S. 73, Brief an Zette)

Leiris Darstellung ernüchtert über alle Maßen, da sie fast ganz ohne den Versuch auskommt, irgendwelche Erklärungen über den ‚tieferen‘ Sinn dessen, was er sieht oder hört, abzugeben. Seine Tagebucheintragungen ähneln dem neutralen Blick eines Fotografen, schnörkellos, frei von Vermutungen, ohne Sentimentalität, ohne das „europäische“ Wissen. Eine bedeutende Leistung, die man gerade heute in der Welt der Fake News und schwer überprüfbaren Fakten besonders hervorheben muss.

Andreas Wang, Herausgeber der "Sachbücher des Monats" seit 1992

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