Grete de Francesco: Die Macht des Charlatans; Montage: rbbKultur
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Empfehlungen der unabhängigen Jury - Sachbücher des Monats März 2021

Unsere zehn Sachbücher des Monats, diesmal auf Platz eins: das 1937 zuerst erschienene Sachbuch "Die Macht des Charlatans", das jetzt neu herausgegeben wurde. Es stammt aus der Feder der jüdisch-österreichischen Gelehrten und Publizistin Grete De Francesco (1893-1945).

Die Jury der "Sachbücher des Monats" – sie besteht seit mehr als 30 Jahren in wechselnder Zusammensetzung – hat sich immer bemüht, bei der Auswahl ihrer Bücher dem Anspruch an Aktualität, Diskurs-Nähe und Lesbarkeit der Sachbuchtexte gerecht zu werden. Meistens ist das auch gelungen. Und doch es ist immer wieder erstaunlich, dass die sehr gemischte Zusammensetzung der Jury einen Konsens über die zehn empfehlenswertesten Bücher des Monats nicht verhindert hat.

So ist auch die März-Liste gut gemischt, mit einem wirklichen Highlight: Das bereits 1937 zuerst erschienene und seither so gut wie vergessene, jetzt neu in der "Anderen Bibliothek" herausgegebene Buch der jüdisch-österreichischen Gelehrten und Publizistin Grete De Francesco (1893-1945) "Die Macht des Charlatans".

Historische Vorbilder der Populisten

Das wundert natürlich nicht, denn in diesem Buch finden wir die historischen Vorbilder und Werkzeuge jener populistischen Politiker oder Pseudowissenschaftler unserer Tage meisterhaft beschrieben, die uns heute mit ihren Tricks, Fakes, mit Phantasie und Halbwahrheiten unseren Geist vernebeln wollen. Das Dumme ist: Scharlatane sind auf Gläubige angewiesen, sonst hätten sie keinen Erfolg.

Mit anderen Worten: Wo es Scharlatane gibt, dort gibt es auch Gläubige. Die einen wie die anderen vertragen keine Kritik, und das macht es so schwer, mit ihnen sachlich zu argumentieren.

Die halbe Wahrheit der Scharlatane

Und nun kommt der zweite Punkt: Manches von dem, was Scharlatane erzählen, ist gar nicht einmal falsch. Es ist bloß nie die ganze Wahrheit. "Halbwahrheiten" sind es dann auch, die "Zur Manipulation von Wirklichkeit" eingesetzt werden, wie uns die Baseler Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess in ihrem Essay in der schönen Reihe "Fröhliche Wissenschaft" des Verlages Matthes & Seitz Berlin aufklärt. Sie sind es auch, die es so schwer machen, die Verschwörungstheoretiker zu widerlegen. Nicola Gess hilft uns, den falschen Schein zu erkennen – das immerhin.

Andreas Wang, Herausgeber der "Sachbücher des Monats" seit 1992

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Die Sachbücher des Monats

Themen beleuchten, Probleme analysieren, Lösungen diskutieren: Sachbücher bieten in einer immer komplexeren Welt Orientierung – aber wer kennt schon die Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Büchermarkt? 24 namhafte Jurorinnen und Juroren aus Wissenschaft und Publizistik bewerten Monat für Monat neue Sachbücher nach Relevanz, Originalität und Lesbarkeit. Ihre Funde sammeln wir als "Sachbücher des Monats" und ergänzen sie durch die "Besondere Empfehlung" eines ausgewählten Lesers – eine Lesehilfe für ein interessiertes Publikum.