Horst Bredekamp: Michelangelo; Montage: rbbkultur
Bild: Verlag Klaus Wagenbach

Empfehlungen der unabhängigen Jury - Sachbücher des Monats November 2021

Wir präsentieren unsere zehn Sachbücher des Monats, ausgewählt von 24 namhaften Jurorinnen und Juroren – in diesem Monat ein kolossales Buch über den Maler, Bildhauer und auch Dichter Michelangelo neben Büchern zu Soziologie und Geschichte, etwa dem sehr aktuellen Buch "Die Hohenzollern und die Nazis".

Als am 14. Juli des Jahres 1564 Michelangelo Buonarotti in Florenz zu Grabe getragen wurde, feierten ihn die Einheimischen als poeta laureatus, als gekrönten Dichter. Aber war er nicht Maler und Bildhauer mit so bedeutenden Werken wie der Deckenmalerei in der Sixtinischen Kapelle oder der David-Statue oder der Pietà? Ja, das war er eben auch, und Horst Bredekamp zeigt uns in seinem kolossalen und grandiosen Buch den "ganzen" Michelangelo.

Er bringt uns einen vom schöpferischen, dem "proteischen Eros" (S. 39) bis zur Erschöpfung und Verzweiflung getriebenen Rennaissance-Menschen nahe und lehrt uns, in den Werken bis ins Kleinste zu lesen: Bredekamps Buch ist eine bis in feinste Details hineinreichende Studie künstlerischen Schaffens und kreativen Lebens. Und wir können nachvollziehen, zu welchen Höchstleistungen ein Künstler fähig ist, dessen Leben und Werk ständig von dem unerreichbaren Unendlichen angetrieben ist, von einem Fernziel, das nie erreichbar und immer angestrebt sein wird.

Für Michelangelo war dies eine gewaltige Herausforderung und eine wohl auch zermürbende Erfahrung. Mit Bredekamps großartigem Buch würdigt die Jury ein Beispiel dafür, was Kunstwissenschaft zu leisten vermag: sie ist eine Schule des Sehens, die in die Tiefe kultureller, gesellschaftlicher, psychischer Dimensionen führt.

Von der Kunstwissenschaft führt uns unsere Liste zur Gesellschaftswissenschaft: Was kann Gesellschaftstheorie, vulgo Soziologie, leisten? Diese Frage erörtern die Soziologen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa unter dem Eindruck – und der wissenschaftlichen Analyse -, dass sich heute ein Szenenwechsel in der Deutung der Welt vollzieht: Von der Philosophie zur Sozialtheorie, und damit hin zur Moderne.

Dadurch gewinnt die Sozialtheorie, und spezieller die Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst (S. 43), die Qualität einer theoretischen Realität, die neben der empirischen Realität steht oder sogar über sie hinauswächst, weil nur Theorie die Gesamtheit begreifbar werden lässt. Sehr hilfreich zu diesen nicht ganz leicht zu folgenden Fragen nach der Theorie ist ein Gespräch, das Martin Bauer im Anschluss an die Essays mit den beiden Autoren über das Verhältnis von Moderne und Kritik führt.

Bleiben wir bei der Frage, was Wissenschaft zu leisten vermag, in diesem Fall die Geschichtswissenschaft. Stephan Malinowski exemplifiziert diese Leistungsfähigkeit am Fall der Republikfeindlichkeit, wie sie sich am Ende des Ersten Weltkrieges von zwei Seiten her aufeinander zubewegt hat. Gemeint sind die Nazis und der deutsche Adel.

Als eine Geschichte einer Kollaboration erweisen sich Die Hohenzollern und die Nazis – wie wir wissen, ist dieses Thema ein Stich ins Wespennest, noch heute, da die Hohenzollern wieder um ihr Vermögen streiten. Aber es geht ja nicht nur um die Familie des abgedankten Kaiserhauses, sondern um das Ende einer Adelsgesellschaft, deren tief verankerter Konservatismus noch heute manche Gemüter bewegt bzw. erregt.

Andreas Wang, Herausgeber der "Sachbücher des Monats" seit 1992

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Die Sachbücher des Monats

Themen beleuchten, Probleme analysieren, Lösungen diskutieren: Sachbücher bieten in einer immer komplexeren Welt Orientierung – aber wer kennt schon die Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Büchermarkt? 24 namhafte Jurorinnen und Juroren aus Wissenschaft und Publizistik bewerten Monat für Monat neue Sachbücher nach Relevanz, Originalität und Lesbarkeit. Ihre Funde sammeln wir als "Sachbücher des Monats" und ergänzen sie durch die "Besondere Empfehlung" eines ausgewählten Lesers – eine Lesehilfe für ein interessiertes Publikum.