"450 Years Staatskapelle Berlin" Cover © Dt. Grammophon, Montage: rbb
Deutsche Grammophon, Montage: rbb
Bild: Deutsche Grammophon, Montage: rbb

ALBUM DER WOCHE | 15.06. – 21.06.2020 - 450 Jahre Staatskapelle Berlin

Im Jahr 1570 wird die Berliner Hofkantorei, die Vorläuferin der Berliner Staatskapelle, zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Seit mindestens 450 Jahren gibt es dieses weltberühmte Orchester also nun schon, und natürlich feiert die Staatskapelle dieses Jubiläum auch gebührend. Ein schöner Anlass für das Label "Deutsche Grammophon", die Geschichte der Staatskapelle mit einer 15 CDs umfassenden Box zu feiern.

Die Geschichte der Staatskapelle reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Das ist schön zu wissen - doch haben wir leider nichts davon. Denn Aufnahmen von ihr gibt es erst seit 1916. Und die erste ist natürlich auch in der neuen Jubiläumsbox zu finden – und widerlegt das Klischee wilhelminischer Gemütlichkeit. Erstaunlich, welch ein modernes Tempo der Dirigent Leo Blech da in Mozarts Figaro-Ouvertüre vorlegt.

Fast alle legendären Dirigenten am Pult der Staatskapelle Berlin sind in dieser 15-CD-Box präsent – von Richard Strauss bis Daniel Barenboim wurde ihnen reichlich Platz eingeräumt, sogar einige illustre Gäste, wie Sergiu Celebidache, die nur selten am Pult des Orchesters standen, bekommen ihre eigene CD. Der Schwerpunkt liegt auf wenig bekannten Schellack- und Rundfunkschätzen, die sorgfältig restauriert wurden.

Beethovens Fünfte umwerfend dramatisch

Typische CD-Reinhörer, die im Laden gern mal drei, vier Tracks ausprobieren, bevor sie zuschlagen,,seien gewarnt: Sie werden vermutlich irgendwann einem Verkäufer begegnen, der demonstrativ auf seine Uhr schaut. Mal eben ein bisschen stöbern fällt schwer. Ich jedenfalls bin immer wieder für lange Zeit in der Musik versunken, etwa in einer umwerfend dramatischen fünften Sinfonie von Beethoven unter der Leitung von Erich Kleiber.

Zweigleisigkeit der Staatskapelle

Das Besondere an der Berliner Staatskapelle war und ist, dass sie zweigleisig fährt – sie ist einerseits das Hausorchester der Staatsoper, andererseits ein Sinfonieorchester mit langer Tradition. Beide Seiten sind auf der CD-Box ausgiebig dokumentiert. Die Oper kommt nicht zu kurz – Wilhelm Furtwängler ist mit Ausschnitten aus Wagners Tristan vertreten, und eine prall gefüllte CD ist einer denkwürdigen Macbeth-Aufführung von Verdi aus dem Jahr 1950 gewidmet – am Pult steht Joseph Keilberth, und die Lady wird gesungen von der großen Martha Mödl.

Auch den beiden Chefs zu DDR-Zeiten wurde je eine CD gewidmet. Franz Konwitschny, der wichtigste Wagner-Dirigent-Ostdeutschlands, ist mit Meistersinger-Ausschnitten vertreten. Otmar Suitner hat die Staatskapelle ein Vierteljahrhundert lang geprägt, und die Deutsche Grammophon würdigt ihn mit zwei Erstveröffentlichungen – Max Regers halbstündigen Mozart-Variationen op. 132 und Paul Dessaus Orchesterfassung von Mozarts Streichquintett KV 614.

Ein junger Herbert von Karajan 1944

Auch wenn es hier noch mehr schöne Premieren-Bonbons gibt wie Mahlers Sechste unter Pierre Boulez, liegt die Stärke dieser Sammlung vor allem darin, dass hier weit verstreute Ton-Dokumente der Staatskapelle vereint werden - alle meisterhaft restauriert. Bei so vielen Highlights ist es schwer zu sagen, was besonders herausragt.

Meine drei persönlichen Höhepunkte: Richard Strauss, der seinen Don Quichotte erstaunlich seidig und klassizistisch anlegt, ein junger Herbert von Karajan, der sich im Haus des Rundfunks 1944 an der ersten Stereo-Aufnahme Berlins versucht, und Pietro Mascagni, der mal eben vorbeischaut, um die Ouvertüre zu seiner Oper Le Maschere aufzunehmen. Allein für diese drei Aufnahmen lohnt sich sie Anschaffung schon.

Matthias Käther, rbbKultur