Cantilena, Tabea Zimmermann © harmonia mundi
harmonia mundi
Bild: harmonia mundi

ALBUM DER WOCHE | 10.08. – 16.08.2020 - Tabea Zimmermann: "Cantilena"

Eigentlich hatten Tabea Zimmermann und Javier Perianes eine Tour geplant, in der ihre Hintergründe zusammentreffen: ein deutscher erster Teil, eine spanische zweite Hälfte. Die Tournee wurde abgesagt, aber die spanische Hälfte hat den beiden so gut gefallen, dass sie schon im vergangenen Dezember eine CD mit dem Programm aufgenommen haben.

Tanze Tango mit mir!

Das Klavier bittet die Bratsche zum Tanz – oder ist es umgekehrt? Mal schmiegen sie sich aneinander, mal stoßen sie den anderen weg. Am Ende sind sie wieder versöhnt. Mit Astor Piazolla und seinem Grand Tango tanzen sich Tabea Zimmermann mit der Bratsche und Javier Perianes am Klavier warm für ihren Reigen durch die emotionalen Höhen und Tiefen spanischer Musik. Auch wenn Tabea Zimmermann gesteht: "Ich bin selber gar keine gute Tänzerin, oder ich hab‘s nicht genügend probiert. Ich tanze dann eher in der Vorstellung, oder ja eben auf der Bratsche."

Tabea Zimmermann und Javier Perianes kennen sich schon lange, spielen immer wieder Konzerte. Jetzt hat Javier Perianes sie eingeladen, mit ihm in die spanische Musikwelt einzutauchen. Und so tanzt sie nicht nur auf der Bratsche, vor allem singt sie. Denn ein Großteil der spanischen Musik wurde für Gesang komponiert. Ob es ein Schlaf- oder ein Liebeslied wird, das transportiert jetzt der wunderbar wandelbare Klang der Viola. "Aber bei der Arbeit mit Javier Perianes war es schon so, dass er mir beim Üben immer wieder auch die Gedichte und die Texte und die Situationen verdeutlicht hat", sagt Tabea Zimmermann.

Arrangements – so unmittelbar wie möglich

Egal ob das Original für eine Singstimme oder für das Cello von Pablo Casals geschrieben ist - Tabea Zimmermann erkundet die Stücke und ihren Klang mit jedem Spielen neu: "Ich nehme die Originalnoten und mache mir mit einem Rotstift mal einen Pfeil für eine Oktave höher oder tiefer, den Rest möchte ich gerne immer wieder bei jedem Spielen vom Original aus sehen, damit ich immer weiß: Mein Bratschenarrangement ist nur ein second best, aber der Gedanke des Originalklangs hilft dann doch in der Umsetzung."

Und so verwandelt sich die bescheidene Bratsche fließend vom singenden Sopran in ein Cello – und dann plötzlich in ein Zupfinstrument, eine Gitarre. "Es gibt auf der CD bei mehreren Stücken Pizzicato-Stellen – ich hatte sehr viel Spaß dabei, für jede Stelle und jedes Stück auch ganz andere Klänge zu suchen."

Zwischen Emotion und Perfektion

Mit ihrer Freude am Detail der Interpretation und der gelungenen Abwechslung im Repertoire versetzen Tabea Zimmermann und Javier Perianes die Hörer*innen in ein Gefühlskarussell. Man wird mitgerissen - von Höhen unbändiger Freude hinab in die Tiefen dunkler Trauer. Beim Spielen ist es weniger stürmisch, findet Tabea Zimmermann: "Ich muss es einmal erlebt haben und dann kann ich‘s spiegeln. Aber ich glaube nicht, dass ich traurig sein muss, um etwas trauriges zu spielen oder fröhlich sein muss, um etwas fröhliches zu spielen."

Die Komponisten, allesamt Männer, hatten bewegte Lebensgeschichten –  Isaac Albeniz, Enrique Granados und Xavier Montsalvatge hielten sich vor allem in Spanien auf, Piazolla und Heitor Villa-Lobos in Lateinamerika, Manuel de Falla und Casals führte ihr Lebensweg auf beide Kontinente. Und so wird die Musik zur Verbindung über Kontinente, über Jahrhunderte hinweg. Deutlich wird das vor allem bei dem Auszug aus Villa-Lobos Bachianas Brasileiras, dessen titelgebendes Stück Cantilena es auch Tabea Zimmermann besonders angetan hat: "Ich finde die Gesanglichkeit, die Ruhe und trotzdem innere Bewegung, die in der Klavierstimme ist, das Pulsierende –  ist allerschönste Bratschenlage."

Bei der Aufnahme dann den schmalen Grat zwischen Perfektion und Freiheit zu treffen, das sei die große Herausforderung gewesen, sagt Tabea Zimmermann. So viel sei verraten, es ist den beiden gelungen.

Birte Mensing, rbbKultur