A Poet's Love - Dichterliebe auf Viola und Klavier mit Timothy Ridout und Frank Dupree; Montage: rbbKultur
Harmonia mundi
Bild: Harmonia mundi

Album der Woche | 13.09. - 19.09.2021 - "A Poet's love"

"Im wunderschönen Monat Mai", so beginnt Robert Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" nach Texten von Heinrich Heine. Manch einem klingt da sicher gleich die eine oder andere berühmte Sängerstimme im Ohr. Zusammen mit dem Pianisten Frank Dupree hat der junge britische Bratschist Timothy Ridout den Zyklus für Klavier und Viola bearbeitet – und jetzt als CD veröffentlicht. Das Anliegen der beiden Musiker: mit ihren Instrumenten die Farben und Stimmungen des Textes zu gestalten.

Timothy Ridout hat dazu intensiv über die Bedeutung der Texte nachgedacht – ebenso wie über den Klang der Wörter. Schon bei der ersten Zeile "Im wunderschönen Monat Mai" habe er lange überlegt und ausprobiert, wie er den Klang des Wortes "wunderschön" auf der Bratsche wiedergeben könne.

Flöten und Geigen – mit Bratsche und Klavier

Aus insgesamt 16 Liedern besteht Schumanns "Dichterliebe". Für viele haben Ridout und Dupree interessante Lösungen gefunden. In dem Lied "Es ist ein Flöten und Geigen" beispielsweise haben sie ihre Stimmen quasi umgedreht: Frank Dupree spielt die Melodie, den Gesangspart auf dem Klavier, Timothy Ridout die Geigentöne (des Klavierbegleiters) verfremdet auf der Viola.

Der Klang des Kölner Doms

Das Lied "Im Rhein, im heiligen Strome" besingt den gewaltigen Kölner Dom, der sich im bewegten Wasser des Rheins spiegelt. Ridout spielt zunächst nur auf der C-Saite, der tiefsten Saite der Bratsche, mit rauem, wilden Klang. Ein Gemälde im Dom erinnert das lyrische Ich aus Heines Gedicht an die Geliebte. Hier wechselt Ridout zu den höheren Saiten und zaubert zarte, träumerische – ja: anhimmelnde Töne.
Frank Dupree © Raphael Steckelbach
Bild: Raphael Steckelbach

Ein Instrument mit großer Bandbreite

Die Bratsche habe zwei einen ähnlichen Ton-Umfang wie der Tenor, erzählt Frank Dupree, der an der Hochschule für Musik in Karlsruhe unter anderem auch Liedgestaltung studiert hat. Doch habe die Bratsche mehr Möglichkeiten, Farben und Schattierungen zu gestalten: "Eine Bratsche kann zum Beispiel in der tiefen Lage wirklich kratzen. Wenn man das mit der Stimme macht, kann man den Rest des Zyklus nicht mehr singen."

Eine Orchestersuite als Kammermusik

Neben dem Liederzyklus haben Timothy Ridout und Frank Dupree für das Album noch sieben Stücke aus dem Ballett "Romeo und Julia". Das Werk hatte Sergej Prokofjew ursprünglich für Orchester mit einer reichen Instrumentierung komponiert. Der russische Bratschist Vadim Borisovsky arrangierte vor rund 50 Jahren eine Fassung für Viola und Klavier. Dem Pianisten Dupree gefällt der orchestrale Part auf seinem Instrument: "Beim 'Tanz der Ritter' kann ich mal so richtig in die Tasten greifen."

Gefühle von Glück bis Verzweiflung

Das Stück lebe von den vielen Emotionen, findet Timothy Ridout. Die Bandbreite reiche von höchstem Glück bis hin zu Verzweiflung und Tod.

Ridout: "In diesem einen Stück steckt eine ganze Welt. Das ganze Leben von Romeo und Julia."

Deutlich werde das besonders in der Balkon-Szene am Ende - für Ridout einer der schönsten musikalischen Momente.

Dem Brexit zum Trotz

Insgesamt ist Frank Dupree und Timothy Ridout mit "A Poet's Love" ein eindrucksvolles Album über Gefühle und zum Thema Liebe gelungen, das viele klangliche Möglichkeiten der beiden Instrumente Klavier und Bratsche noch einmal ganz neu hörbar und erlebbar macht. Und schließlich hat das Album, dem Brexit zum Trotz, auch noch eine grenzüberschreitende Funktion: indem ein britischer Bratschist und ein deutscher Pianist zusammenkommen, um gemeinsam Musik zu machen – zu englischer und deutscher Dichtung, Shakespeare und Heine.

Antje Bonhage, rbbKultur