Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte 1 - 6; Akademie für Alte Musik Berlin © Harmonia Mundi
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Album der Woche | 04.10. - 10.10.2021 - Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte

Die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach zählen zu den populärsten Barockwerken – beim Publikum ebenso wie bei Alte-Musik-Ensembles. Die Akademie für Alte Musik Berlin hat den Zyklus knapp 25 Jahre nach ihrer ersten Aufnahme nun ein zweites Mal eingespielt. Neue Klangideen und zwei prominente Gastsolisten führen zu einem spannenden Remake.

Der Anlass für den Vorschlag ihrer Plattenfirma, die Konzerte nochmals aufzunehmen, war ein Jubiläum: Vor 300 Jahren, im März 1721, hat Bach die Partitur der "Six Concerts Avec plusieurs Instruments" (Sechs Konzerte mit mehreren Instrumenten) zusammengefügt. Dann hat der Köthener Hofkapellmeister sie, mit einer Widmung versehen, dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt zugesandt.

Gern erfüllter Wunsch

Der Wunsch ihres Labels kam für die "Akamus" zwar überraschend. Doch das Orchester kam ihm gerne nach, denn "dazu muss man sich nicht überwinden, die Musik ist einfach so grandios" – wie Georg Kallweit betont, einer der beiden Konzertmeister des Ensembles.

Zumal man sich diesen Werken in der letzten Zeit wieder vermehrt gewidmet hat. In den Jahren nach der ersten Aufnahme waren sie zugunsten anderer Programme für längere Phasen etwas in den Hintergrund getreten.

Profilierungschance

Nun boten die so unterschiedlich besetzten Konzerte erneut einer ganzen Reihe von Orchestermitgliedern die Möglichkeit, sich solistisch auszuzeichnen. Nur einige davon waren bereits 1997 dabei gewesen – von den insgesamt zwei Dutzend Musikerinnen und Musiker der Neuaufnahme wirkte weniger als die Hälfte damals bereits mit. Außergewöhnlich ist, dass beide Konzertmeister der Akademie für Alte Musik beteiligt sind, Georg Kallweit und Bernhard Forck. Denn normalerweise spielt immer nur einer der beiden, wenn man die Brandenburgischen Konzerte aufführt.

Isabelle Faust © Felix Broede
Bild: Felix Broede

Prominente Gäste

Kallweit und Forck konnten allerdings nicht alle Solo-Partien für Violine unter sich aufteilen. Denn auf Anregung der Plattenfirma kamen zwei renommierte Gäste zur "Akamus" hinzu. Mit der Geigerin Isabelle Faust hat das Orchester bereits etliche Male gut zusammengearbeitet. Georg Kallweit schätzt ihre Bemühungen, "in verschiedene Stilrichtungen wirklich einzudringen", und nicht wie andere Künstler nur auf das historische Instrument zu wechseln und "ansonsten alles beim Alten“ zu belassen. Tatsächlich fremdelt Faust an keiner Stelle in den Konzerten Nr. 3 und 4, bei denen sie mit einer Violine von Jacobus Stainer mitwirkt, mit der historischen Aufführungspraxis.

Neuling Tamestit

Neu auf diesem Feld ist hingegen der zweite Gast bei der Aufnahme, der französische Bratscher Antoine Tamestit – zumindest was die öffentliche Präsentation betrifft. Denn Georg Kallweit hat ihn als "richtigen Freak" kennengelernt, der viele Aufnahmen der Alten Musik in- und auswendig kenne. Dem entsprechend habe er sich riesig gefreut, dabei zu sein und "eine unglaubliche Energie und Inspiration" ausgestrahlt. Tamestits beseeltes Musizieren macht insbesondere das Konzert Nr. 6 – im Duett mit Sabine Fehland – zu einem großen Genuss.

Antoine Tamestit © Julien Mignot
Bild: Julien Mignot/Harmonia Mundi

Durchsichtig

Dieses Konzert, wie die anderen auch, ging die Akademie für Alte Musik dezidiert als groß besetzte Kammermusik an – mit dem Bemühen, die Stücke möglichst hell und durchsichtig erklingen zu lassen. In diesen Kontext passt die Entscheidung des Ensembles, für den Basso continuo keinen Kontrabass einzusetzen, sondern einen höher gestimmten und kleineren G-Violone. Georg Kallweit meint dazu: "Die Nachteile, dass man manchmal nicht diesen umarmenden tiefen Bass hat, werden von einigen Vorteilen aufgewogen, nämlich dass man die Mittelstimmen viel klarer hören kann, weil weniger Soße über alles gegossen wird."

Vertrautheit

Die Musikerinnen und Musiker der "Akamus" glänzen auf dem neuen Album mit großer Virtuosität und Spielfreude. Sie lassen die allen Klassikfans bekannten Konzerte in neuem Licht erstrahlen. Und man merkt dem Ensemble an, wie vertraut es mit diesem Repertoire ist. Daraus resultiert auch eine größere Freiheit im Umgang mit dem Notenmaterial, gerade wenn man die neue Aufnahme mit der von 1997 vergleicht. Insbesondere haben sich die Mitwirkenden nach den Erkenntnissen von Konzertmeister Kallweit nicht mehr so sklavisch an Bachs Vorgaben bei den Verzierungen gehalten. Das Selbstbewusstsein, welche das Ensemble den Stücken gegenüber ausdrückt und die Selbstverständlichkeit seines Musizierens lassen das Hören des Albums zu einem entspannten Genuss werden.

Rainer Baumgärtner, rbbKultur