Ana de la Vega und Paul Rivinius: My Paris © Pentatone
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"Best of 22": Album der Woche | 22.08. - 28.08.2022 - Ana de la Vega: "My Paris"

Ana de la Vega war sieben, sie lebte mit ihrer Familie auf einer Farm in Australien, als sie zum ersten Mal ein Flötenkonzert von Mozart hörte – gespielt von dem französischen Flötisten Jean-Pierre Rampal. Schlagartig war es um sie geschehen: Sie wollte Flöte lernen und träumte davon, eines Tages auf den Spuren von Mozart und Rampal Paris zu erleben. Ihre Reise und die sechs Jahre, die sie in Paris verbrachte, hat Ana de la Vega nun auf ihrem neuen Album festgehalten.

Ihren Traum machte Ana de la Vega wahr: 2006, sie war 24, packte sie ihren Rucksack und buchte ein One-Way-Ticket nach Paris. Dort gelang es ihr später sogar, am Konservatorium zu studieren – bei einer ehemaligen Schülerin von Rampal.

Ana de la Vega, Flötistin © Neda Navaee
Bild: Neda Navaee

Ihre Empfindungen bei ihrer Ankunft in Paris findet Ana de la Vega in einem Werk auf dem Album ganz besonders wieder: "Après und rêve" ("Nach einem Traum") von Gabriel Fauré. Zwar endet das Stück in einem traurigen Erwachen, nach traumhaftem Glück, dennoch findet Ana de la Vega, bei der das "böse Erwachen" nie eingetreten ist, ihr Paris in dem Werk: ein Gefühl von Freiheit und Selbstentdeckung, Lebensfreude und Licht. Überall in der Stadt sei Schönheit und Besonderheit zu finden, so Ana de la Vega. Sei es in den Läden, in der Kleidung der Menschen, in der Art und Weise, wie Essen angerichtet werde.

Sie sei bis heute bezaubert von der Atmosphäre: "Ich war wie in einer anderen Welt."

Eine Stadt des Lichts und der inneren Ruhe

Auch das Licht der Stadt empfindet de la Vega als unvergleichlich. So seien beispielsweise die Tuilerien oder der Pont-des-Arts am frühen Abend in ein eigentümlich orangefarbenes und warmes Licht getaucht, das sie so bisher in keiner anderen Stadt gefunden habe.

Und dann hat Ana de la Vega mitten im auch lauten, hektischen Paris noch etwas erfahren: eine innere Ruhe. L’Art de Vivre. Und zwar als sie, an einem ihrer ersten Tage in der Stadt einen Coffee-to-go bestellte: Warum sie es denn so eilig habe, bekam sie von dem Mann hinter dem Tresen zu hören. Die fünf Minuten, sich hinzusetzen, ihren Café zu trinken und auf die Stadt zu schauen, müsse sie doch haben.

"So ist Paris! Und er hatte recht", weiß Ana de la Vega heute.

Die Suche nach dem eigenen Klang

Auch auf dem Album: die Sonate für Flöte und Klavier von Francis Poulenc aus dem Jahr 1957. Er hatte sie für Jean-Pierre Rampal geschrieben, der zu den bedeutendsten Flötisten des 20. Jahrhunderts zählt. Nach wie vor ist Rampal Ana de la Vegas großes Vorbild. Es ist der für sie unvergleichliche Klang seines Flötenspiels, der sie begeistert – und sie dazu inspiriert, IHREN individuellen Sound zu finden. Denn, so de la Vega: Klang sei bei Blasinstrumenten alles. Und die Arbeit am Klang habe für sie höchste Priorität:

"Virtuosität und Perfektion - klar, das sind Voraussetzungen, da ist nichts verhandelbar. Aber die Suche nach der Schönheit des eigenen Klangs: das ist eine lebenslange Reise.“

Ohne ihre Bewunderung für Rampal hätte sie sich nie nach Paris aufgemacht, sagt Ana de la Vega. Und auch nicht ohne Mozart. Denn durch Mozart ist sie ja überhaupt erst zur Flöte gekommen. Und so war für Ana de la Vega klar: Obwohl kein französischer Komponist, müsse Mozart auf ihrem Paris-Album vertreten sein.

Madame Mouscadet und Mozarts Sonate in e-moll

Dass sie für das Album Mozarts Violinsonate in e-moll auswählte, für Flöte transkribiert, ist kein Zufall: Denn Mozart schrieb die Sonate in Paris – vermutlich nachdem er vom Tod seiner Mutter erfuhr. Deshalb die Moll-Tonart. Doch für Ana de la Vega hat die Sonate auch mit ihrem eigenen Leben zu tun: Während ihrer Jahre in Paris wohnte sie bei einer alten Dame, Renée Mouscadet, die ihre wichtigste und engste Freundin wurde. Sie starb vor zwei Jahren, im Alter von 104. Und beim Spielen der Sonate empfindet de la Vega diesen Verlust.

"Madame Muscadet war ein Geschenk des Himmels", erzählt die Flötistin. Als sie in Paris ankam, kannte sie niemanden. Und weil sie sich im Wechselkurs irrte, hatte die junge Australierin bereits nach drei Tagen ihr gesamtes Geld ausgegeben. Madame Mouscadet war ihre Rettung: "Sie nahm mich bei sich auf, brachte mir Französisch bei, sie hörte mir zu, wenn ich Flöte übte – obwohl ich damals noch nicht besonders gut war. Sie ermutigte mich, es im Konservatorium zu versuchen und begleitete mich zur Aufnahmeprüfung.“

Geboren 1916 war die alte Dame de la Vegas Fenster zum Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts. "Sie spielt eine ganz wesentliche Rolle in meinem Leben", betont Ana de la Vega.

Eine Liebeserklärung an die Belle Epoque

So ist "My Paris" ein Album geworden, auf dem Ana de la Vega sehr persönlich von sich erzählt. Mithilfe der Flöte – und durch die Werke französischer Komponisten wie Claude Debussy und Gabriel Fauré, Jules Massenet und Francis Poulenc, Camille Saint-Saëns und Maurice Ravel, Erik Satie und George Bizet. Auch Komponistinnen sind vertreten: Lili Boulanger, Cécile Chaminade und Maria Theresia (von) Paradis, letztere eine Zeitgenossin und Bekannte Mozarts.

Das Album ist eine Liebeserklärung an eine Stadt und an die - oder vielleicht an EINE - Belle Epoque, die Vergangenheit ist, die aber für Ana de la Vega in Paris bis heute weiterlebt. Und es ist eine Hommage an Ana de la Vegas eigenen Aufbruch, ohne den sie nicht die Flötistin wäre, die sie heute ist. Davon ist sie überzeugt:

"Paris: Tausende Meilen entfernt von meiner Familie und allem, was ich bis dahin kannte. Ich hatte diesen Traum, dem ich nachgegangen bin. Es gab dabei auch schwierige Momente: Selbstzweifel. Einsamkeit. Dann wiederum Ehrfurcht und Begeisterung. Und die Gewissheit, dass ich genau hier sein MUSSTE.“

Antje Bonhage, rbbKultur